emily davison
Die Märtyrerin der Suffragetten
Eine Kollaboration mit dem Podcast His2Go
Emily Davison Biografie
von Ellinor Amini
Triggerwarnung: Diese Biografie thematisiert physische und psychische Gewalt und Folter, staatliche Repression, Hungerstreiks, Zwangsernährung, Suizid, tödliche Verletzungen sowie sexualisierte Übergriffe.
Emily Wilding Davison (1872-1913) wurde in eine englische Mittelschichtfamilie geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters geriet die Familie in wirtschaftliche Unsicherheit, was ihren Bildungsweg erschwerte. Sie studierte zunächst am Holloway College und später als Gasthörerin in Oxford, da Frauen keinen regulären Zugang zu Abschlüssen hatten. Obwohl sie ihre Prüfungen mit Auszeichnung bestand, blieb ihr ein formeller Grad verwehrt.
In Oxford entwickelte Davison eine besondere Faszination für mittelalterliche Geschichte und für historische Frauenfiguren wie Jeanne d'Arc, Hildegard von Bingen oder Eleonore von Aquitanien. Diese historischen Beispiele weiblicher Handlungsmacht kontrastierten für sie mit der politischen Entrechtung von Frauen im modernen Großbritannien.
1906 trat Davison der Women's Social and Political Union (WSPU) bei, die 1903 von Emmeline Pankhurst gegründet worden war. Die Organisation stand für eine neue konfrontative Strategie im Kampf um das Frauenwahlrecht: „Deeds, not words“ – Taten statt Worte.
Wichtig ist jedoch: Die Suffragettenbewegung war keineswegs homogen. Innerhalb der britischen Frauenwahlrechtsbewegung existierten unterschiedliche Organisationen, Strategien und politische Haltungen. Neben der militanten WSPU gab es gemäßigtere Gruppen, die auf parlamentarische Reformarbeit setzten. Selbst innerhalb der WSPU variierten Einschätzungen über das Ausmaß legitimer Militanz. Einige Aktivistinnen befürworteten symbolische Sachbeschädigung, andere lehnten Gewalt strikt ab. Die Bewegung umfasste bürgerliche Reformerinnen, sozialistische Feministinnen, religiös motivierte Aktivistinnen sowie Frauen aus unterschiedlichen Klassenlagen. Diese Vielfalt führte immer wieder zu internen Spannungen, Abspaltungen und kontroversen Debatten über Strategie, Legitimität und politische Ethik. Davison gehörte zu jenen Mitgliedern, die bereit waren, ein hohes persönliches Risiko einzugehen. Gleichzeitig engagierte sie sich publizistisch, verfasste Essays und Reden und argumentierte, dass Demokratie ohne politische Gleichberechtigung von Frauen strukturell unvollständig sei.
Zwischen 1909 und 1913 wurde Emily Davison mehrfach verhaftet. Wie viele Suffragetten trat sie in Hungerstreik, um als politische Gefangene anerkannt zu werden. Die Behörden reagierten mit Zwangsernährung – einer gewaltsamen Praxis, die erhebliche körperliche und psychische Schäden verursachte, die Emily Davison stark traumatisierte.
1910 kam es bei Protesten zu massiver Polizeigewalt gegen Demonstrierende, darunter auch sexualisierte Übergriffe. Die staatliche Repression verschärfte die Radikalisierung innerhalb der Bewegung weiter. Während einige Aktivistinnen die Eskalation als notwendige Antwort auf politische Blockade betrachteten, warnten andere vor strategischen und moralischen Risiken. Emily Davison entwickelte eine zunehmend eigenständige Aktionspraxis.
Am 4. Juni 1913 fand das traditionsreiche Pferderennen in Epsom statt, ein gesellschaftliches Großereignis mit 500.000 Zuschauer*innen. Darunter auch König George V., dessen Rennpferd am Rennen teilnahm. Das Rennen wurde von Pressevertretern und Filmkameras dokumentiert. Emily Davison hatte sich unter die Zuschauer*innen gemischt und stand in der Nähe der Rennbahn. Vor den Augen der Zuschauer*innen und drei Filmkameras spielten sich nun tragische Szenen ab. Während das Rennen in vollem Gang und die Pferde auf Höchstgeschwindigkeit sind, läuft Emily Davison in ihrer lila-weiß-grünen Suffragetten-Schärpe auf die Rennbahn, direkt vor das Pferd des Königs. Das Pferd und der Jockey stürzen, alle drei fallen zu Boden und Emily Davison wird von den Hufen des Tieres schwer am Kopf verletzt. Sie und der leicht verletzte Jockey bleiben liegen, das Pferd steht aber auf und läuft das Rennen alleine zu Ende.
Emily Davison verlor unmittelbar das Bewusstsein. Sie wurde zunächst am Streckenrand versorgt und anschließend in ein Krankenhaus gebracht. Während ihres vier Tage andauernden Komas wachen ihre Freundinnen und Familie an ihrem Bett, umringt von den Hassbriefen ihrer Gegner.
Am 8. Juni 1913 starb sie an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Ob sie ihren Tod einkalkulierte oder von einer symbolischen Aktion ausging, bleibt Gegenstand historischer Debatten. Obwohl sich auch viele Suffragetten von der Tat distanzieren, wird sie auch von anderen als „Märtyrerin“ gefeiert. Trotz allem rückte dieses ambivalente Ereignis den Kampf für das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung medial und global in den Fokus. Ihr Begräbnis wurde zu einer großen politischen Demonstration. Tausende Aktivist*innen begleiteten den Trauerzug.
Emily davison HEUTE
Das Leben von Emily Wilding Davison vollzog sich im Spannungsfeld einer formal liberalen, jedoch strukturell patriarchalen Gesellschaft und einer sich zuspitzenden politischen Radikalisierung. Großbritannien verstand sich als parlamentarisches Vorbild, schloss Frauen jedoch systematisch von politischer Teilhabe aus. Diese Diskrepanz zwischen demokratischem Selbstbild und realer Entrechtung bildete den Kern ihres Engagements.
Davison entstammte einer gebildeten Mittelschicht, was ihr höhere Bildung ermöglichte. Dennoch blieb sie institutionell benachteiligt: In Oxford durfte sie studieren, erhielt jedoch keinen Abschluss. Auch privilegiertere Frauen waren rechtlich und politisch abhängig. Die wiederholte Blockade von Reformen trug zur Radikalisierung innerhalb der Frauenwahlrechtsbewegung bei.
Ihre politische Radikalisierung ist auch vor dem Hintergrund begrenzter legaler Einflussmöglichkeiten zu verstehen: Reformversuche waren wiederholt gescheitert, parlamentarische Versprechen blieben unverbindlich. Der Ausschluss von politischer Mitbestimmung war nicht nur kulturell, sondern rechtlich abgesichert.
Besonders die Behandlung von Suffragetten offenbart die geschlechtsspezifische Dimension staatlicher Repression. Hungerstreiks wurden mit Zwangsernährung beantwortet; Protestierende waren körperlicher Gewalt und öffentlicher Diffamierung ausgesetzt. Weiblicher Widerstand wurde kriminalisiert statt als legitime politische Forderung anerkannt, wie dies bei Männern der Fall war.
Gleichzeitig war die Bewegung nicht homogen. Neben der militanten Women's Social and Political Union existierten gemäßigte Strömungen. Auch innerhalb der Organisation bestanden unterschiedliche Auffassungen über Strategie und Eskalation.
Nach langem Kampf erhielten die Frauen in Großbritannien 1918 zunächst ein eingeschränktes Wahlrecht; 1928 wurde die formale Gleichstellung erreicht. Die militanten Strategien der Suffragetten werden bis heute kontrovers diskutiert: Manche Historiker*innen sehen sie als beschleunigenden Faktor, andere betonen die Bedeutung langfristiger parlamentarischer Reformarbeit.
Fazit: Emily Wilding Davison steht exemplarisch für die Widersprüche einer Demokratie, die Frauen ausschloss. Ihre Biografie verdeutlicht die Spannungen zwischen Reform und Radikalisierung sowie die persönlichen Risiken politischer Kämpfe. Ihr Leben ist Teil eines konfliktreichen Prozesses, der schließlich zur politischen Gleichstellung führte, jedoch nicht ohne innere Kontroversen und gesellschaftliche Brüche.
Heiligt der Zweck die Mittel?
von David Jokerst
Emily Davisons Tod bleibt ein symbolischer Bezugspunkt für feministische Bewegungen. Zugleich wirft er grundlegende Fragen auf: Welche Mittel sind in demokratischen Auseinandersetzungen legitim? Wann wird ziviler Ungehorsam zur Selbstgefährdung? Und wie werden Frauen in politischen Konflikten historisch erinnert – als irrationale Radikale oder als konsequente Demokratinnen?
Zwei Meinungen: 

Die australische Feministin
Germaine Greer schreibt, dass das destruktive Handeln Emily Davisons nicht gefeiert werden sollte. Sie sagt, „Taten, nicht Worte“ klinge zwar heroisch, würde aber letztlich nur die Täterinnen in Gefahr bringen und andere nicht von der Richtigkeit des Anliegens überzeugen. Der Drang einer Frau, sich zu opfern, sollte nicht bewundert werden, sondern abgelehnt werden als zerstörerisch und irrational. 

Ganz anders sieht das die Autorin und Mediävistin
Caryoln Collette, sie zieht in ihrem Buch das Fazit, dass Emily Davison weitaus mehr war, als die militante Kämpferin, als die sie zeitgenössisch dargestellt wurde und auch als die Heldin und Märtyrerin, zu der sie posthum gemacht wurde. Dass es ihr vielmehr in ihren vielen Texten und Reden um die Verbesserung der gesamten Gesellschaft ging, um die 
„Seele der Nation“, und um die Demokratie. Denn sie war überzeugt, dass die freie Selbstbestimmung und die Rechte der Frauen durchzusetzen kein Entweder-Oder war, kein Gegensatz und kein Nullsummenspiel, sondern der entscheidende Schritt war für die Freiheit aller; zum Wohle aller in einer egalitären Gesellschaft.
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Quellen
Kollaboration mit dem Podcast His2Go >> zur Folge
Collette, Caryoln P.: In the Thick of the Fight. The Writing of Emily Wilding Davison, Militant Suffragette, Ann Arbor 2013.
Purvis, June: Remembering Emily Wilding Davison (1872–1913), in: Women’s History Review vol. 22, no. 3 (2013), 353-362 (June Purvis is Emeritus Professor of Women's and Gender History)
Osborne, Carol: ‘Deeds, Not Words’: Emily Wilding Davison and the Epsom Derby 1913 Revisited, in: Sport, Protest and Globalisation: Stopping Play, hrsg. v. Jon Dart & Stephen Wagg, London 2016, 17-34. (Osborne is researcher on women in sports history)
Bleyer, Alexandra: Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben, Ditzingen 2025. (Historikerin)

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