Rosemary kennedy
die  Grossstadtdichterin
»Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!«
Kurt Tucholsky
Mascha Kaléko biografie
von Ellinor Amini

Triggerwarnung: Diese Biografie enthält Antisemitismus, Verfolgung, Flucht und Verlust und psychische Belastung durch das NS-Regime


Mascha Kaléko (1907–1975) kommt in Galizien im damaligen Österreich-Ungarn als „Emigrantenkind“ (Selbstbeschreibung Kalékos zitiert nach Rosenkranz, Jutta: Masche Kaléko Biografie. München 2007. S. 13.) zur Welt. Früh flüchtet die Familie vor befürchteten Progromen nach Deutschland, wo Mascha Kaléko in der Grundschule schon ein Talent für Sprache und Lyrik zeigt. 1918 zieht die Familie nach Berlin. Dort blüht sie in den Goldenen Zwanzigern der Hauptstadt auf und neben ihrer Büroausbildung beginnt sie ihren Alltag mit einer kühlen Sachlichkeit in Gedichten festzuhalten. Schnell findet sie Anschluss an die literarische Szene der Stadt und veröffentlicht Gedichte in Tageszeitungen, schreibt Werbetexte und veröffentlicht 1933 „Das lyrische Stenogrammheft“, welches ein großer Erfolg wird. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, einem jüdischen Dirigenten, und ihrem Sohn Steven flieht die jüdische Dichterin vor den Nationalsozialisten nach New York. Schnell lernt sie Englisch und schreibt, textet und dichtet im Exil, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihrem weniger erfolgreichen Mann greift sie unter die Arme, begleitet ihn zu Proben seines Chores, dolmetscht und organisiert für ihn. Nach ihrer Popularität in Deutschland ist sie nun Ehefrau und Mutter und kümmert sich um alle, hat aber kaum noch Zeit für ihre eigene Karriere. Außerdem hat sie das Publikum verloren, das die Sprache ihrer Gedichte versteht. Doch sie kann nicht anders als schreiben und so entsteht eine Reihe von Exilgedichten, die vom Heimweh und den schlimmen Ereignissen in der Heimat geprägt sind. 
Obwohl sie nach dem Krieg Angst hat, nach Deutschland zurückzukehren, reist sie 1955 zurück, um dort „Das lyrische Stenogrammheft“ wieder neu aufzulegen. Der Nationalsozialismus hat die Gesellschaft und das Land nachhaltig verändert, doch die Menschen haben sie nicht vergessen und so erscheinen in den folgenden Jahren neue Gedichtbände und sie reist ein weiteres Mal für Vortragsabende und Pressetermine nach Deutschland. Zurück in New York spielt das Thema Heimat immer wieder eine große Rolle in ihrem Leben und ihren Texten.
1959 beschließt das Ehepaar allerdings, der Arbeit des Mannes zuliebe, in das gelobte Land, nach Jerusalem, überzusiedeln. Hier kann der Ehemann sich voll und ganz auf sein jüdisches musikalisches Werk konzentrieren, doch für Mascha Kaléko ist die Umstellung sehr groß, denn der Alltag und die Mentalität in Israel sind ganz anders als in New York, an das sie sich bereits gewöhnt hatte. In Jerusalem hat sie mit der räumlichen Abgeschiedenheit (zum Westen) und auch der sprachlichen Isolation zu kämpfen. Ihre häuslichen Pflichten und die Pflege ihres oft kranken Ehemannes kosten sie viel Zeit und Kraft. Der plötzliche Tod ihres geliebten Sohnes verschlimmert die Situation der beiden und sie wird immer heimatloser in Israel.
Sie fragt sich „Wo will ich sein? [...] Überall nur nicht in dieser Welt. Oder besser, nicht in DER Welt.“ (Nachlass, DLA Marbach: Mascha Kaléko an Judith Bergmann, o.D. (vermutlich 1972) zitiert nach Rosenkranz 2007, S. 232.) Nach dem Tod ihres Mannes 1973 fühlt sie sich endgültig allein auf der Welt und „[ihre] Brücke ragt ins Niemandsland.“(Kaléko/Zoch-Westphal 1977, S. 239) Sie versucht weiter die Kontakte zu deutschsprachigen Verlagen aufzufrischen, doch ihre Bekanntheit, vor allem in Deutschland, hat stark nachgelassen, denn die Gedichte von damals passen nicht mehr in diese Zeit. Auch ihre Krankheiten und ihre Trauer zehren an ihr und sie stirbt 1975 im Alter von nur 67 Jahren in Zürich. 
Mascha Kaléko heute
Mascha Kaléko lebte im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Selbstbehauptung und politischer Verfolgung, gesellschaftlicher Marginalisierung und persönlichen Herausforderungen. Als Jüdin und Frau* im Berlin der 1920er und 1930er Jahre war sie von strukturellem Antisemitismus, patriarchalen Literaturstrukturen und gesellschaftlichen Rollenerwartungen betroffen. Die NS-Verfolgung zwang sie zur Emigration, wodurch sie ihre vertraute kulturelle Umgebung und ihr Netzwerk verlor. Ihr literarisches Werk entstand in der Spannung zwischen öffentlicher Anerkennung vor der Emigration und gesellschaftlicher Unsichtbarkeit danach.
Kaléko musste sich als Frau* im männlich dominierten Literaturbetrieb behaupten, gleichzeitig familiäre Verantwortung, Care-Arbeit und soziale Rollen bewältigen. Interpretativ lässt sich annehmen, dass sie oft ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellte, zunächst für die Familie, später möglicherweise auch für die Sichtbarkeit oder Karriere des Partners. Diese Selbstunsichtbarmachung wirkt in ihrem Werk subtil nach: die Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatleben, zwischen Eigeninteresse und Verantwortung gegenüber Angehörigen, prägt die Themen und Tonalität ihrer Texte. Ihre Lyrik unterläuft traditionelle Normen von Autorschaft, indem sie präzise, aber zugänglich schreibt, Humor und Melancholie verbindet und gesellschaftliche Machtverhältnisse reflektiert.
Zu Lebzeiten wurde Kalékos Lyrik häufig als „leicht“ oder „harmlos“ gelesen, obwohl sie komplexe, sozialkritische Analysen enthält. Die Unterbewertung hängt eng mit literarischen Hierarchien zusammen, die Kürze, Ironie und Alltagsperspektiven geringer werteten als „hohe“ Lyrik. Ihre Emigration, patriarchale Rollenerwartungen und die Selbstunsichtbarmachung für Familie und zu Gunsten der Sichtbarmachung des musikalischen Schaffens ihres Ehemannes trugen zusätzlich dazu bei, dass ihr Werk lange marginalisiert wurde. Erst seit den 1980er Jahren setzt eine Wiederentdeckung durch feministische Literaturforschung ein. Ihre Texte zeigen, dass scheinbare Leichtigkeit literarische Strategien sein können, um Machtverhältnisse und gesellschaftliche Ungleichheiten zu kommentieren.
Kaléko ist heute wieder präsent, doch ihre Sichtbarkeit bleibt selektiv. Öffentliche Ehrungen und Kanonisierung hinken der tatsächlichen Bedeutung ihres Werks hinterher. Die Erinnerungskultur reflektiert weiterhin strukturelle Ungleichheiten: Jüdische Stimmen, Exilerfahrungen und weibliche Autorschaft wurden historisch oft marginalisiert. Feministische Perspektiven machen deutlich, dass Mascha Kalékos Werk Normen von Autorinnenschaft und literarischem Wert bewusst unterläuft und zugleich ein leises, widerständiges Zeugnis ihrer Zeit darstellt. Ihr  Lebens zeigt, wie eng private und gesellschaftliche Faktoren das literarische Schaffen beeinflussen können.
Mascha Kaléko war eine zentrale literarische Stimme, deren scheinbare Leichtigkeit komplexe gesellschaftliche, politische und persönliche Konflikte widerspiegelt. Exil, patriarchale Strukturen, Care-Arbeit und die Selbstunsichtbarmachung für Familie und Partner führten dazu, dass ihr Werk lange marginalisiert wurde. Eine feministische historische Einordnung zeigt, dass ihre Texte subtil Widerstand gegen strukturelle Probleme beinhalten und dass ihre Bedeutung erst im Zusammendenken von Exil, Machtverhältnissen, Care-Arbeit, Selbstaufgabe und literarischer Innovation vollständig sichtbar wird.
Quellen
Rosenkranz, Jutta: Mascha Kaléko. Biografie. München 4-2007 (Originalausgabe 2007)
Kaléko, Mascha : In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß. Hrsg. von Gisela Zoch-Westphal. München 1977.
Kaléko, Mascha und Gisela Zoch-Westphal; Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko: Biograph. Skizzen, Tagebuch, Briefe. Berlin 1987.
"Die Maschine heißt Continental, römisch zwei."
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Erster Gedichtband
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Das "Emigrantenkind"
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Foto Ellinor Amini
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Foto Ellinor Amini
Foto Ellinor Amini
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