Die  Frau  der  Meere

„[O]ur generation can take some pride in having contributed,
no matter how fumblingly and bunglingly,
to the making of the new order for the seas and oceans,
to the opening of new ways of thinking about world order,
and to the hammering-out of a platform from which in the future,
a great many new initiatives can be launched.“

Elisabeth Mann Borgese.
Elisabeth Mann kommt im Jahre 1918 als Lieblingstocher ihres bekannten Vaters Thomas Mann zur Welt. In dieser, wie sie selbst sagt, glücklichen Kindheit, kommt sie auch das erste Mal mit dem Meer in Berührung, was für sie eine sehr prägende Erfahrung ist. An der Hand ihres kleinen Bruders und des Vaters schaut sie mit fünf Jahren zum ersten Mal auf das Meer hinaus. Im Hinblick auf den drohenden Nationalsozialismus, vor dem auch Thomas Mann öffentlich warnt, bezieht die Familie Position und Elisabeth wird Jugendmitglied der antinationalsozialistische Paneuropa-Vereinigung in München. Nach der Machtergreifung kann und will Elisabeth nicht in München bleiben und wohnt mit den Eltern im Schweizer Exil bei Zürich. Sie will Konzertpianistin werden, doch ihr wird die musikalische Begabung dafür von den Eltern nicht zugetraut. Daraufhin beginnt die junge Elisabeth sich mit dem Geschlechter-Thema zu befassen und liest bekannte Werke aus Biologie und Philosophie.
Durch den prominenten Namen des Vaters umgibt sie sich bald mit einer Clique aus Kindern bekannter Exildeutscher und übt weiter diszipliniert Klavier. Trotz allem ist sie sehr nervös und hat kein hohes Selbstwertgefühl. Auch hat sie mit starkem Lampenfieber vor dem Spielen zu kämpfen und bei Tischgesprächen mit berühmten Gästen ihrer Eltern traut sie sich kaum den Mund auf zu machen. Nicht, dass sie nicht zu Wort kommt, doch ihre Biographin Kerstin Holzer fasst es so zusammen: „ (...) die glanzvollen Auftritte des Geschwisterpaares Erika und Klaus und die überragende Intelligenz des Vaters faszinieren sie ebenso, wie sie sie einschüchtern. (...) Die Brillanz des Umfelds beängstigt Elisabeth eben nur derart, daß sie buchstäblich verstummt.“ Psychosomatische Probleme bereitet ihr auch das heimliche Verliebtsein in Fritz Landshoff, einem engen Freund ihres großen Bruders, der aber seinerseits in ihre große Schwester verliebt war, später aber eine andere Frau heiratet.

Im Jahre 1938 siedelt Elisabeth Mann mit ihren Eltern zusammen ins amerikanische Exil um. Als sie, noch in der Schweiz, zum ersten Mal das Buch „Goliath, der Marsch des Faschismus“ des italienischen Faschismusgegners Guiseppe Antonio Borgese liest, beschließt sie, ohne ihn je gesehen oder gekannt zu haben, ihn zu heiraten. Auch der Altersunterschied von 36 Jahren ist für sie kein Hindernis, sie bewundert seinen politischen Intellekt. Auch der Vater Thomas Mann bewundert Borgese und seine Schriften und nach einer Dinnerparty im Hause Mann sorgt Elisabeth weiter für zufällige Begegnungen mit Borgese. Schnell steht fest, dass es den beiden ernst ist und Borgese hält 1939 offiziell in einem Brief an Thomas Mann um die Hand seiner Tochter an, der zwar verwundert ist, seiner Tochter aber nicht im Wege steht. Die beiden sind ein ungleiches Paar, doch Elisabeth verliert schnell ihre Schüchternheit und erkennt seine geistige Überlegenheit an, die sie sehr bewundert.
Sie heiraten 1939 und beziehen seine Wohnung in Chicago. Als Ehefrau muss sie nun kochen lernen und ordnet ihr Leben dem seinen unter, was sie aber nicht als negativ empfindet. Sie war es ihr Leben lang gewohnt, zu einem Mann aufzublicken und
es scheint, also würde sie die Rolle ihrer Mutter kopieren, in dem sie ihrem Ehemann ebenfalls die Alltagspflichten und abnimmt, damit dieser sich vollständig auf seine Arbeit konzentrieren kann.

Sie arbeitet auch als seine Assistentin, lauscht seinen Vorlesungen und gibt ihre Pianistinnenkarriere nun endgültig auf. Nebenher forscht sie weiter über die Emanzipation, was ihrem Ehemann aber nur in der Theorie gefällt. Elisabeth Mann Borgese bekommt bald nach der Hochzeit zwei Kinder und mag ihre Mutterrolle, ist aber auch weiterhin für ihren Ehemann an der Universität tätig. Die ersten Ehejahre verlaufen sehr harmonisch und glücklich, doch das Familienglück ist ihr nicht genug. 1946 wird sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im „Komitee für die Weltverfassung“ ihres Mannes, ganz ohne Studium, denn sie will etwas „schaffen“. Ziel ist es, durch eine Weltregierung und einem Weltgericht soziale Gerechtigkeit zu fördern, die Welt zu entmilitarisieren, natürliche Ressourcen zum Gemeinschaftseigentum aller Menschen zu erklären und damit globalen Frieden zu schaffen.
Sie ist in ihrer Arbeit für das Komitee engagiert, fleißig und wird immer selbstsicherer. Mit ihrem diplomatischen Geschick sammelt sie viele prominente Unterstützer für das Projekt und sie, nicht etwa ihr Ehemann, wird 1950 von der „International Organisation of World Federalists“ zur Präsidentin gewählt. Doch der chauvinisch Schwiegersohn, wie Thomas Mann ihn in seinem Tagebuch nennt, ist eifersüchtig auf die Selbstständigkeit und die Beliebtheit seiner Frau und reagiert cholerisch. Sie will sich trennen, hat sogar eine Affäre, von der sie ihrem Ehemann berichtet. Borgese fordert von ihr den Rücktritt ihres Amtes als Präsidentin, was sie auch tut. Trotz allem kann sie aus Loyalität und Respekt für ihren Ehemann die Scheidung nicht vollziehen und die Familie zieht 1952 für einen Lehrauftrag Borgeses nach Florenz. Dort wird auch Guiseppe Antonio Borgese wieder versöhnlicher und das Paar versucht einen Neuanfang, doch im gleichen Jahr stirbt er und hinterlässt eine 34-jährige Witwe.

Sie entscheidet sich mit den Töchtern in Italien zu bleiben und übernimmt bald die redaktionelle Leitung der italienischen Ausgabe des Kulturmagazins „Perspectives“ und die Verantwortung für die englische Ausgabe von „Diogenes“, des Kultur-Magazins der UNESCO. Sie beginnt auch zu schreiben und 1961 erscheint ein Buch mit Kurzgeschichten, 1963 das Buch „Ascent of Women“ (eine Anspielung auf „Descent of Men“ von Charles Darwin) zu dem Frauenthema, an dem sie seit 30 Jahren forscht. „Das Buch, so Elisabeth, sei auf der These aufgebaut, daß sowohl in der Tierwelt als auch bei den Menschen, in der Philosophie, der Psychologie, ja sogar in der Linguistik zwischen Weiblichkeit und Kollektivem ein Zusammenhang bestehe, während dem Männlichen das Individuelle zugeordnet sei.“ Sie spricht dort auch von dem Psychiater, der ihr bei ihrer Verliebtheit als Jugendliche riet, sich auf ihre Musikkarriere zu konzentrieren und nicht auf einen Mann, denn als Frau könne sie sowieso nicht beides zusammen haben. Das Buch hat auch eindeutig autobiographische Thesen, aber nach der Veröffentlichung beschäftigt sie sich nicht mehr damit, denn sie sagt, von diesem Moment an einfach wie ein Mensch gehandelt zu haben, nicht wie ein Mann oder eine Frau. Außerdem interessiert sie sich sehr für die Kommunikation zwischen Tieren und Menschen, hat zeitweise acht Hunde und einen Schimpansen und arbeitet während einer Forschungsreise in Indien sogar mit Elefanten.
Dazu erscheint ihr Buch „The Language Barrier“, in welchem sie sich für mehr Respekt im Umgang mit Tieren ausspricht.

Mit 46 Jahren beginnt sie in Kalifornien für das „Center for the Study of Democratic Instiutions“ zu arbeiten, das ein guter Freund leitete, der auch schon das Weltverfassungs-Komitee initiiert hatte und Studien zum Frieden erstellen sollte. Sie beginnt zwischen den USA und Europa zu pendeln. Auch diese Vereinigung beschäftigt sich wieder mit utopischen Weltordnungen. Dort lernt sie 1967 den UN-Botschafter Arvid Pardo von Malta kennen, der eine flammende Rede über das bisher geltende unzureichende Seerecht und die Wichtigkeit der Ozeane und ihrer Ressourcen für die Menschheit hält. Diese Worte motivieren Elisabeth Mann Borgese dazu, den Institutsleiter von der Bedeutung dieser Thematik zu überzeugen und übernimmt die Leitung zur Erstellung eines neuen modernen Seerechts. Viele Punkte kann sie aus der Theorie der Weltverfassung ihres Mannes einarbeiten - eine Huldigung vor seinem Werk, doch ist nun alles zielgerichteter und weniger utopisch.
1970 wird sie als erstes weibliches Mitglied in die internationale Denkergruppe „Club of Rome“ aufgenommen. 1972 gründet sie mit der Hilfe Arvid Pardos das „International Ocean Institute“ auf Malta, welches jährliche internationale Seerechtskonferenzen organisiert, durch welche schließlich die „Seerechtskonventionen der Vereinten Nationen“ zu Stande kommen. Als Teil der österreichischen Delegation kann sie später auch aktiv an der Konferenz teilnehmen, die nur staatlichen Organisationen zustand. 1982 wird ein Abkommen formuliert, das 1994 nach der Unterzeichnung der letzten Staaten endlich in Kraft tritt. Für Elisabeth Mann Borgese ist das ein großer Durchbruch, der für weitere Umweltkonferenzen und Abkommen den Weg ebnet. Durch ihr Engagement werden die Meere im heute geltenden Seerecht als Erbe aller Menschen angesehen und auch die Einrichtung des Seegerichtshofes in Hamburg 1996 konnte durch sie initiiert werden. Sie arbeitet während dieser Zeit gleichzeitig für alle drei Organisationen in drei verschiedenen Ländern.
1978 übernimmt sie eine Gastprofessur an der Universität im kanadischen Halifax und übernimmt später die Professur für Internationales Seerecht an der Dalhousie Universität in Halifax ohne akademische Ausbildung und ohne jemals an einer Universität studiert zu haben. Außerdem erhält sie fünf Ehrendoktortitel. Ihre Lehrinhalte formuliert sie sozial-philosophisch und interdisziplinär, denn ihrem Verständnis nach ist alles miteinander verknüpft. Ihren Studierenden nennen sie liebevoll „Lady of the Oceans“.
Sie stirbt 2002 im Alter von 83 Jahren.

Elisabeth Mann Borgese heute.
„The feminist-socialist ideals of my great-grandmother‘s time;
the socialist humanism or humanist socialism of my father‘s and my husband‘s time are still with us.
The democratic ideals, the ideal of universal peace are still with us, time present and time past, in time future.
But time present, My Time, has transformed them, as future generations will transform what we have tried to build.“
Elisabeth Mann Borgese war nicht nur „Tochter bzw. Ehefrau von“ wie ihr Vater sie oft aufzog. Aus den Schatten des großen Vaters und des Ehemannes herausgetreten, hatte sie sich einen eigenen Namen gemacht und konnte auf viele sehr verschiedene Karrieren zurückblicken. Trotzdem begann sie ihr Leben recht schüchtern neben ihren wortgewandten großen Geschwister. Auch ihrem Mann ordnete sie sich freiwillig unter und hatte zu Beginn der Ehe auch keinen eigenen Anspruch auf einen Beruf, da sie ihre Mutter zum Vorbild hatte. Erst später im Leben, als sie ihre gesellschaftlichen Pflichten des Ehefrau- und Mutterseins hinter sich gelsassen hatte, gestattete sie sich das zu tun, was sie wollte. Ihrer Theorie nach sollten junge Frauen von älteren, erfahreneren Männern lernen und für die Familie sorgen. Ab dem Alter von 45 Jahren haben sie dann genug Erfahrung gesammelt, um ihr eigenes Potenzial zu entfalten, selbst tätig zu werden und nun ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.
Ihr war die Aufopferung der Frau für die Karriere des Ehemannes auch aus dem Elternhaus vorgelebt worden und so ganz natürlich für sie.

Trotzdem ist Elisabeth Mann Borgese, abgesehen man erkennt vielleicht den Zusammenhang zur Familie Mann im ersten Nachnamen, weitgehend unbekannt, obwohl ihr Name in ihrem Wirkungskreis natürlich ein fester Begriff ist und ein Forschungsschiff nach ihr benannt ist.
Ich selbst bin erst durch eine Gedenkbriefmarke der Deutschen Post auf sie aufmerksam geworden.

Gedenkbriefmarke Deutsche Post
International Ocean Institute
International Ocean Institute

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