Mascha Kaléko
die Grossstadtdichterin
Wenn ich eine Wolke wäre...
Ellinor Amini 2021
Collage auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
Collage auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
Mascha kALÉKO
von Ellinor Amini
von Ellinor Amini
Triggerwarnung: Diese Biografie enthält Antisemitismus, Verfolgung, Flucht und Verlust und psychische Belastung durch das NS-Regime
Mascha Kaléko kommt 1907 in Galizien im damaligen Österreich-Ungarn als „Emigrantenkind“ (Selbstbeschreibung Kalékos zitiert nach Rosenkranz, Jutta: Masche Kaléko Biografie. München 2007. S. 13.) zur Welt. Früh flüchtet die Familie vor befürchteten Progromen nach Deutschland, wo Mascha Kaléko in der Grundschule schon ein Talent für Sprache und Lyrik zeigt. 1918 zieht die Familie nach Berlin. Dort blüht sie in den Goldenen Zwanzigern der Hauptstadt auf und neben ihrer Büroausbildung beginnt sie ihren Alltag mit einer kühlen Sachlichkeit in Gedichten festzuhalten. Schnell findet sie Anschluss an die literarische Szene der Stadt und veröffentlicht Gedichte in Tageszeitungen, schreibt Werbetexte und veröffentlicht 1933 „Das lyrische Stenogrammheft“, welches ein großer Erfolg wird. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, einem jüdischen Dirigenten, und ihrem Sohn Steven flieht die jüdische Dichterin vor den Nationalsozialisten nach New York. Schnell lernt sie Englisch und schreibt, textet und dichtet im Exil, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihrem weniger erfolgreichen Mann greift sie unter die Arme, begleitet ihn zu Proben seines Chores, dolmetscht und organisiert für ihn. Nach ihrer Popularität in Deutschland ist sie nun Ehefrau und Mutter und kümmert sich um alle, hat aber kaum noch Zeit für ihre eigene Karriere. Außerdem hat sie das Publikum verloren, das die Sprache ihrer Gedichte versteht. Doch sie kann nicht anders als schreiben und so entsteht eine Reihe von Exilgedichten, die vom Heimweh und den schlimmen Ereignissen in der Heimat geprägt sind. Doch obwohl sie nach dem Krieg Angst hat, nach Deutschland zurückzukehren, reist sie 1955 zurück, um dort „Das lyrische Stenogrammheft“ wieder neu aufzulegen. Der Nationalsozialismus hat die Gesellschaft und das Land nachhaltig verändert, doch die Menschen haben sie nicht vergessen und so erscheinen in den folgenden Jahren neue Gedichtbände und sie reist ein weiteres Mal für Vortragsabende und Pressetermine nach Deutschland. Zurück in New York spielt das Thema Heimat immer wieder eine große Rolle in ihrem Leben und ihren Texten.
1959 beschließt das Ehepaar allerdings, der Arbeit des Mannes zuliebe, in das gelobte Land, nach Jerusalem, überzusiedeln. Hier kann der Ehemann sich voll und ganz auf sein jüdisches musikalisches Werk konzentrieren, doch für Mascha Kaléko ist die Umstellung sehr groß, denn der Alltag und die Mentalität in Israel sind ganz anders als in New York, an das sie sich bereits gewöhnt hatte. In Jerusalem hat sie mit der räumlichen Abgeschiedenheit (zum Westen) und auch der sprachlichen Isolation zu kämpfen. Ihre häuslichen Pflichten und die Pflege ihres oft kranken Ehemannes kosten sie viel Zeit und Kraft. Der plötzliche Tod ihres geliebten Sohnes verschlimmert die Situation der beiden und sie wird immer heimatloser in Israel.
Sie fragt sich „Wo will ich sein? [...] Überall nur nicht in dieser Welt. Oder besser, nicht in DER Welt.“ (Nachlass, DLA Marbach: Mascha Kaléko an Judith Bergmann, o.D. (vermutlich 1972) zitiert nach Rosenkranz 2007, S. 232.) Nach dem Tod ihres Mannes 1973 fühlt sie sich endgültig allein auf der Welt und „[ihre] Brücke ragt ins Niemandsland.“(Kaléko/Zoch-Westphal 1977, S. 239) Sie versucht weiter die Kontakte zu deutschsprachigen Verlagen aufzufrischen, doch ihre Bekanntheit, vor allem in Deutschland, hat stark nachgelassen, denn die Gedichte von damals passen nicht mehr in diese Zeit. Auch ihre Krankheiten und ihre Trauer zehren an ihr und sie stirbt 1975 im Alter von nur 67 Jahren in Zürich.
Mascha Kaléko heute
Mascha Kaléko und ihr Werk wurden durch politische Gewalt, antisemitische Ausgrenzung und geschlechterhierarchische Literaturbetriebe an den Rand der Geschichte gedrängt. Ihr Werk fordert bis heute eine Lektüre ein, die Exil, Machtverhältnisse und literarische Wertmaßstäbe zusammendenkt.
Eine kritische historische Einordnung zeigt sie als Autorin, deren scheinbare Leichtigkeit eine präzise, oft schmerzhafte Analyse moderner Lebensverhältnisse trägt – und deren Platz im literarischen Gedächtnis lange verweigert wurde. Die zeitgenössische Rezeption las ihre Texte häufig als „leicht“ oder „harmlos“ und unterschätzte ihre sozialkritische Schärfe. Diese Abwertung ist eng mit literarischen Hierarchien verbunden, die Ironie, Kürze und Zugänglichkeit geringer bewerteten als „hohe“ Lyrik. Diese Lesart ignoriert, dass gerade Reduktion, Ironie und Alltagsperspektive Formen widerständigen Schreibens sein können. Eine feministische Relektüre macht deutlich, dass Kalékos Werk Normen von Autorschaft und literarischem Wert unterlief, statt ihnen zu entsprechen.
Die Nachkriegsliteraturgeschichtsschreibung hat Exilerfahrungen lange marginalisiert oder instrumentell behandelt – häufig ohne die langfristigen biografischen und psychischen Folgen ernsthaft zu reflektieren.
Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zeigte begrenzte Bereitschaft, jüdischen Stimmen Raum zu geben, wenn diese nicht zur Versöhnungs- oder Entlastungserzählung passten. Kalékos leise, ambivalente Texte widersprachen diesem Bedürfnis.
Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zeigte begrenzte Bereitschaft, jüdischen Stimmen Raum zu geben, wenn diese nicht zur Versöhnungs- oder Entlastungserzählung passten. Kalékos leise, ambivalente Texte widersprachen diesem Bedürfnis.
Quellen
Rosenkranz, Jutta: Mascha Kaléko. Biografie. München 4-2007 (Originalausgabe 2007)
Kaléko, Mascha : In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß.
Hrsg. von Gisela Zoch-Westphal. München 1977.
Hrsg. von Gisela Zoch-Westphal. München 1977.
Kaléko, Mascha und Gisela Zoch-Westphal; Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko:
Biograph. Skizzen, Tagebuch, Briefe. Berlin 1987.
Biograph. Skizzen, Tagebuch, Briefe. Berlin 1987.