Mileva Maric
Mathematikerin und Physikerin
„Ebenbürtige Kreatur? Deine Mutter!“
Ellinor Amini 2021
Collage, Tusche und Acryl auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
Mileva Maric Biografie
von Ellinor Amini

Triggerwarnung: Diese Biografie enthält psychische Gewalt, emotionale Belastung und ungewollte Schwangerschaft

Mileva Marić (1875–1948) war eine serbische Physikerin und Mathematikerin, deren Leben sich im Spannungsfeld von außergewöhnlicher wissenschaftlicher Begabung, patriarchalen Bildungsstrukturen und der systematischen Unsichtbarmachung von Frauen* in der Wissenschaft um 1900 bewegte. Sie zählt zu den ersten Frauen*, die ein Studium der Physik und Mathematik auf universitärem Niveau im deutschsprachigen Raum aufnahmen, und war zugleich die erste Ehefrau Albert Einsteins – eine Verbindung, die ihre eigene Biografie und Rezeption bis heute stark überlagert.
Geboren im heutigen Serbien, zeigte sie früh eine ausgeprägte Begabung für Mathematik und Physik. Ihr Vater förderte sie gezielt und setzte sogar eine Sondergenehmigung durch, damit sie als einziges Mädchen ein Jungengymnasium besuchen konnte – ein außergewöhnlicher Schritt in einer Zeit, in der Frauen* systematisch vom höheren Bildungswesen ausgeschlossen waren. Diese frühe Förderung ermöglichte ihr den Zugang zu akademischen Räumen, die für die meisten Frauen* unerreichbar blieben, bedeutete aber zugleich soziale Isolation und ständige Beobachtung.
Sie studierte ab den 1890er Jahren in Zürich, unter anderem am Polytechnikum (heute ETH Zürich), einer der wenigen Institutionen Europas, die Frauen* zuließ. Dort lernte sie Albert Einstein kennen. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge persönliche wie intellektuelle Beziehung. In Briefen aus dieser Zeit wird deutlich, dass sie intensiv über physikalische Probleme diskutierten. Einstein schrieb etwa:

„Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben.“

Solche Formulierungen haben in der Forschung wiederholt die Frage nach Marićs Anteil an Einsteins frühen Arbeiten aufgeworfen. Eine formale Mitautorinnenschaft an den Veröffentlichungen von 1905 ist nicht belegt; zugleich gilt als gesichert, dass Marić eine zentrale wissenschaftliche Gesprächspartnerin, mathematische Mitdenkerin und intellektuelle Stütze war. Auch Einstein selbst betonte ihre Bedeutung für seine Arbeit, wenn er sagte:

„Ich brauche meine Frau. Sie löst alle meine mathematischen Probleme.“

Diese Aussage wird heute kritisch gelesen: Sie verweist sowohl auf Anerkennung als auch auf eine Rollenverteilung, in der ihre Kompetenz in den Dienst seines wissenschaftlichen Erfolgs gestellt wurde.

Mileva Marić scheiterte 1900 und 1901 an der Abschlussprüfung, insbesondere im mündlichen Teil. Ob dies ausschließlich leistungsbedingt war, durch geschlechterbezogene Vorurteile beeinflusst wurde oder durch die emotionale Belastung durch die Beziehung mit Einstein war, ist nicht abschließend zu klären; in der Forschung wird dies jedoch als strukturell relevanter Kontext diskutiert. 
Mileva Marić wurde in dieser Phase erstmals ungewollt von Albert Einstein schwanger. Einstein war zu diesem Zeitpunkt nicht bereit, sie zu heiraten, da er seine berufliche Zukunft gefährdet sah und eine Ehe als Belastung betrachtete. Für sie bedeutete die Schwangerschaft als unverheiratete Frau eine massive soziale Bedrohung, die ihre ohnehin fragile akademische und gesellschaftliche Position weiter schwächte. Das gemeinsame erste Kind wurde 1902 geboren. Ihr weiteres Schicksal ist nicht eindeutig dokumentiert; in der Forschung gilt es als wahrscheinlich, dass das Kind zur Adoption freigegeben wurde oder früh verstarb. Viele Historiker*innen gehen davon aus, dass Marić sich unter dem Druck gesellschaftlicher Normen, fehlender rechtlicher Absicherung und Einsteins Weigerung zu heiraten zu diesem Schritt gezwungen sah. Diese biografische Leerstelle verweist exemplarisch auf die strukturellen Zwänge, denen Frauen* um 1900 bei unehelicher Schwangerschaft ausgesetzt waren, sowie auf die ungleiche Verteilung von Verantwortung innerhalb der Beziehung.

1903 heirateten Mileva Marić und Einstein. Im selben Jahr arbeitete sie gemeinsam mit Paul Habicht an der Entwicklung einer Influenzmaschine, was ihre praktische naturwissenschaftliche Kompetenz unterstreicht. Dennoch verlagerte sich ihre Rolle nach der Ehe zunehmend: Mit der Geburt der beiden Söhne übernahm sie den Großteil der Care-Arbeit, organisierte Haushalt und Familienleben und folgte Einsteins Karrierewegen. Ihre eigenen wissenschaftlichen Ambitionen traten zunehmend in den Hintergrund. Zeitgleich nahm Einsteins beruflicher Erfolg stark zu, während sein Interesse an der partnerschaftlichen Zusammenarbeit abnahm – insbesondere mit jeder weiteren Schwangerschaft Mileva Marićs.

Die Ehe war von wachsenden Machtasymmetrien geprägt. Einstein begann eine Affäre mit seiner Cousine, die er später in zweiter Ehe heiratete. 1914 kam es zur Trennung von Mileva Marić und Einstein, 1919 zur Scheidung. Teil des Scheidungsvertrags war die Zusage, dass Marić im Falle eines zukünftigen Nobelpreises das Preisgeld erhalten sollte – eine Vereinbarung, die häufig als indirekter Hinweis auf ihre frühere Unterstützung gelesen wird, ohne dies eindeutig belegen zu können. Nach der Verleihung des Nobelpreises an Einstein 1921 erhielt sie das Geld und nutzte es vor allem zur Absicherung der Familie.

Nach der Scheidung lebte Mileva Marić zurückgezogen in Zürich. Sie widmete sich der Erziehung der beiden Söhne und verdiente den Lebensunterhalt unter anderem durch Klavier- und Mathematikunterricht. Besonders belastend war die langjährige Pflege eines Sohnes mit schwerer psychischer Erkrankung, den sie über viele Jahre nahezu allein betreute. Diese intensive Care-Arbeit prägte ihren Alltag und schränkte jede Möglichkeit einer erneuten wissenschaftlichen Tätigkeit weiter ein. Bis zu ihrem Tod 1948 lebte sie bescheiden und weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit. Sie stellte ihren eigenen Beitrag zur Wissenschaft nicht heraus und machte sich – vermutlich auch aus innerer Loyalität, sozialer Prägung und mangelnden Alternativen – selbst unsichtbar (Interpretation). Heute wird ihre Biografie zunehmend als Beispiel dafür gelesen, wie Frauen* trotz hoher Qualifikation, intellektueller Leistung und aktiver Mitarbeit durch patriarchale Strukturen, Familienverantwortung und institutionelle Ausschlüsse aus der Wissenschaftsgeschichte verdrängt wurden. 
Mileva Maric heute
Mileva Marić lebte im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Begabung und einer Zeit, in der Frauen* systematisch vom akademischen und öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden. Um 1900 waren Universitäten, Forschungsinstitutionen und wissenschaftliche Karrieren fast ausschließlich Männern vorbehalten; Frauen* galten primär als Ehefrauen, Mütter und Unterstützende. Uneheliche Schwangerschaft, fehlende rechtliche Absicherung und soziale Kontrolle bedeuteten für Frauen* existenzielle Risiken. In diesem Kontext musste sie ihre Ausbildung, ihre Beziehung und ihre wissenschaftlichen Ambitionen gleichzeitig aushandeln – unter Bedingungen, die strukturell gegen sie arbeiteten.
Aus feministischer Sicht zeigt ihr Leben exemplarisch, wie weibliche wissenschaftliche Arbeit unsichtbar gemacht wurde. Sie war hoch qualifiziert, intellektuell beteiligt und eine zentrale Gesprächspartnerin Albert Einsteins, wurde jedoch früh in Care-Arbeit, emotionale Unterstützung und organisatorische Aufgaben gedrängt. Ihre ungewollte Schwangerschaft und Einsteins anfängliche Weigerung zu heiraten verschärften diese Abhängigkeit. Dass sie ihre eigenen Ambitionen zugunsten von Ehe, Mutterschaft und der Karriere ihres Mannes aufgab, kann als Ergebnis patriarchaler Rollenbilder gelesen werden – auch wenn sie diese Rolle selbst zu akzeptieren schien oder zumindest nicht offen infrage stellte.
Mileva Marić wurde lange fast ausschließlich als „Einsteins Frau“ wahrgenommen. Ihre eigene Ausbildung, ihre mathematisch-physikalischen Fähigkeiten und ihre mögliche Mitwirkung an frühen theoretischen Arbeiten wurden entweder ignoriert oder als nebensächlich abgetan. Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung tat sich schwer, informelle Formen von Zusammenarbeit anzuerkennen – besonders dann, wenn sie von Frauen* geleistet wurden. Die Debatte um ihre mögliche Mitautorinnenschaft zeigt weniger eine eindeutige Antwort als vielmehr die strukturelle Blindheit gegenüber nicht sichtbarer, nicht signierter Arbeit.
Erst seit den 1980er Jahren rückt Mileva Marić stärker in den Fokus feministischer Wissenschafts- und Geschichtsforschung. Ihre Briefe, ihre Ausbildung und ihre Lebensumstände werden neu gelesen. Dennoch bleibt ihre Sichtbarkeit begrenzt: Sie erscheint häufig weiterhin nur in Bezug auf Einstein. Gedenkorte, Publikationen und mediale Darstellungen spiegeln damit bis heute die Ungleichheiten wider, die ihr Leben geprägt haben.
Fazit: Mileva Marić steht für viele Frauen*, deren Wissen und Arbeit nicht als eigenständige Leistung anerkannt wurden. Ihre Geschichte macht deutlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur von Genialität abhängt, sondern auch davon, wessen Arbeit sichtbar gemacht wird – und wessen nicht. Eine kritische feministische Einordnung rückt sie nicht als „vergessenes Genie“, sondern als Teil eines Systems in den Blick, das Frauen* strukturell an den Rand gedrängt hat. 

Quellen​​​​​​​
Trbuhović-Gjurić, Desanka: Im Schatten Albert Einsteins. Das tragische Leben der Mileva Einstein-Marić. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1988
https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mileva-maric-einstein/
https://www.uni-heidelberg.de/de/universitaet/heidelberger-profile/historische-portraets/mileva-maric-die-fast-vergessene-einstein
https://www.scientificamerican.com/blog/guest-blog/the-forgotten-life-of-einsteins-first-wife/
22. & 23. Juli 2022
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