Das  multitalent
Clara Wieck und Beethoven
(F-moll-Sonate)
Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt,
Schloß seine Zauber grollend ein
In festverwahrten, demantharten Schrein,
Und warf den Schlüssel in das Meer und starb.
Die Menschlein mühen sich geschäftig ab,
Umsonst! kein Sperrzeug löst das harte Schloß,
Und seine Zauber schlafen wie ihr Meister.
Ein Schäferkind, am Strand des Meeres spielend,
Sieht zu der hastig unberufnen Jagd.
Sinnvoll gedankenlos, wie Mädchen sind,
Senkt sie die weißen Finger in die Flut
Und faßt, und hebt, und hats. – Es ist der Schlüssel!
Auf springt sie, auf, mit höhern Herzensschlägen,
Der Schrein blinkt wie aus Augen ihr entgegen,
Der Schlüssel paßt. Der Deckel fliegt. Die Geister,
Sie steigen auf und senken dienend sich
Der anmutreichen, unschuldsvollen Herrin,
Die sie mit weißen Fingern, spielend, lenkt.

Franz Grillparzer 1838
Clara Schumann.
Clara Schumann wird 1819 als Clara Wieck in Leipzig geboren und wächst unter den strengen Augen ihres musikalisch ehrgeizigen Vaters auf, der sie von klein auf zur Pianistin trimmt. Sie hat keine Freunde oder Spielzeug, darf nicht zur Schule gehen, denn das Schreiben würde ihre Finger nur unnütz ermüden. Nach der frühen Trennung der Eltern muss das junge Mädchen nach den strammen Vorstellungen des Vaters Klavier üben und hat schnell Erfolg damit. Auch dank seiner Organisation von Konzertreisen und des disziplinierten Trainings hatte Clara Schumann als Pianistin große Erfolge in Deutschland und Österreich, für die der Vater aber das meiste ihrer hart verdienten Gage behält und in sein Geschäft investiert. Ihre Kompositionen finden wenig Anerkennung.
Ein weiterer Klavierschüler ihres Vaters ist Robert Schumann, für den sie schon als 9-Jährige schwärmt und den sie später nach jahrelangem Widerstand des Vaters heiratet.
Während der Ehe mit Robert Schumann ordnet sie ihre eigene Karriere der ihres Mannes unter, doch ihr fehlt das Spiel und der Jubel des Publikums. Sie übt nie Klavier, wenn er zuhause ist, damit er sich in seiner Arbeit nicht gestört fühlt. Die beiden leben in einer für ihre Zeit recht gleichberechtigten Beziehung, in der sie sich gegenseitig sehr lieben und schätzen. Für ihn allerdings ist das häusliche Glück das wahre Glück, wenn er komponieren kann und Clara Schumann sich um Haus, Familie und Gäste kümmert - doch das ist Clara nicht genug. Bald schon gibt sie wieder Konzerte und begibt sich mit und ohne ihren Ehemann auf lange Tourneen durch Deutschland, Dänemark und Russland, wo sie sehr gefeiert wird.
Doch Robert Schumann findet sich nicht in der Rolle des Ehemanns und Impresarios wieder und seine Depressionen werden auch bald für seine Frau unübersehbar. Nach dem Umzug 1844 nach Dresden übernimmt Clara Schumann nun viele Pflichten ihres Mannes, pflegt ihn in seinen depressiven Phasen, kümmert sich um die weiter wachsende Familie, sorgt mit Konzerten und Unterricht für den Unterhalt der Familie und komponiert auch selbst wieder. All das meist hochschwanger. Innerhalb von 13 Ehejahren bringt sie acht Kinder zur Welt und übersteht alle Geburten unbeschadet. Ihr Auftreten in dieser Zeit ist auf einige wenige Konzerte in Dresden und Leipzig beschränkt, doch sind diese bedeutende musikalische Ereignisse, wie Erstaufführungen von Werken ihres Ehemannes. Nach einem Umzug der Familie wegen einer neuen Anstellung Robert Schumanns in Düsseldorf 1850 verschlechtert sich Robert Schumanns sein Zustand weiter, er versucht sich das Leben zu nehmen. Clara Schumann stellt sich wie eine Löwin vor ihren Mann und versucht sein sensibles Wesen vor der Außenwelt zu schützen.
Doch sein Zustand verschlimmert sich weiter bis Robert Schumann 1854 nach einem Selbstmordversuch in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird. Hier trennen sich knapp zweieinhalb Jahre lang ihre Wege, denn die Ärzte verordnen dem Komponisten ein Besuchsverbot seiner Familie. Freunde, die Robert Schumann besuchen, müssen Clara Bericht erstatten und sie versucht postalisch mit ihrem Ehemann den Kontakt zu halten. Um seinen Aufenthalt in der Klink und den Unterhalt ihrer großen Familie zu sichern, gibt Clara Schumann wieder Konzerte, denn von ihrem Publikum bekommt sie nun die Aufmerksamkeit, die ihr von ihrem geliebten Ehemann verwehrt ist. Die Musik und eine enge Freundschaft mit dem jungen Johannes Brahms sind wichtige Anker in ihrem zerrütteten Leben. Erst in der Woche vor seinem Tod darf Clara Schumann ihren Mann noch zweimal sehen, er ist aber schon nicht mehr ansprechbar. Als er stirbt, ist Clara Schumann erleichtert, dass er nun von seinem Leiden erlöst ist. Als Witwe wirkt Clara Schumann für viele fast übermenschlich mit ihrer Ruhe und ihrem selbstsicheren Auftreten, ob im Privaten oder auf der Bühne. Wieder mindert das Musizieren ihr Leiden und trotz ständiger Konzertreisen (teils ist sie 10 Monate im Jahr unterwegs) kümmert sie sich auch sorgfältig um die Unterbringung und Erziehung ihrer acht Kinder, die bei Freunden, in Internaten oder zuhause bei den Hausangestellten versorgt werden. Doch sie bestärkt keines ihrer Kinder in einer eigenen musikalischen Karriere, denn sie weiß aus eigener Erfahrung, was für ein hartes Leben das ist.
In ihren letzten Lebensjahren werden ihr und ihren Kompositionen einige Veranstaltungen gewidmet, was sie sehr freut. Doch mit dem Alter nehmen auch gesundheitliche Probleme wie Rheumaanfälle, Lampenfieber, Arthritis und Schwerhörigkeit zu und sie muss ihre Auftritte vor Publikum immer weiter einschränken. Trotzdem ist für Clara Schumann die Musik ein Lebenselixier und sie geht bis zu ihrem Schlaganfalltod 1896 einer Lehrtätigkeit in Frankfurt nach.
Clara Schumann heute.
Clara Schumann war für ihre Zeit eine sehr emanzipierte Frau. Sie war schon von Kindesbeinen an eine gefeierte Künstlerin und kümmerte sich auch nach der Hochzeit und trotz ständiger Schwangerschaften und der Krankheit ihres Ehemannes um Familie und Karriere. Sie war sehr vielseitig zuerst als „Wunderkind“ gefeiert, später tätig als Pianistin und Konzertkünstlerin, Konzertmanagerin, Komponistin, Herausgeberin, Klavierlehrerin, Pädagogin, Lehrbeauftragte, sowie als Ehefrau und Mutter. Johann Wolfgang von Goethe soll über die junge Pianistin gesagt haben „Das Mädchen hat mehr Kraft als sechs Knaben zusammen.“
Zwar war Clara Schumann zu ihren Lebzeiten eine der gefeiertsten Pianistinnen des 19. Jahrhunderts, doch heute steht sie oft im Schatten ihres berühmten Mannes (Clara Schumann: ca. 9.610.000 Einträge bei Google, Robert Schumann: ca. 24.900.000 Einträge bei Google. Stand: 09.04.2019) und wurde nach ihrem Tod nicht mehr oft erwähnt.
Geforscht wurde über das Multitalent allerdings erst richtig seit den 1980er Jahren und mehrere ihrer Werke wurden publiziert. Durch eine wissenschaftliche Dissertation im Jahre 1990 gewann Clara Schumann wieder an Aufmerksamkeit und durch den Pianist Josef de Beenhouwer kam es zu einer Gesamtaufnahme ihrer Klavierwerke (1990/1991). Seitdem ist ihre Musik wieder öfter zu hören und die Stadt Leipzig feiert in diesem Jahr den 200. Geburtstag seiner talentierten Bürgerin.
Dazu passt auch der 100-DM-Schein mit dem Portrait von Clara Schumann, der 1990 erschien und bis zur Euro-Umstellung 2002 im Umlauf war. Auf der Rückseite ist außerdem das Hochsche Konservatorium in Frankfurt, in welchem sie bis zuletzt wirkte, sowie eine Stimmgabel und ein Flügel.

Unvergessen bleibt Clara Schumann auch durch das Gedicht „Clara Wieck und Beethoven“ das der österreichische Dichter und Dramatiker Franz Grillparzer 1838 nach einem gefeierten Vortrag Clara Schumanns von Beethovens Klaviersonate op. 57, für die „Wiener Zeitschrift für Kunst“ verfasste.
Die Pianistin
100 DM Schein
Die Komponistin
Quellen.
Reich, Nancy B.: Clara Schumann. Romantik als Schicksal. Reinbek bei Hamburg 1993.

Litzmann, Berthold: Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Erster Band. Mädchenjahre 1819-1840. Leipzig 1902.

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