Meret Oppenheim
die  Nicht-surrealistin
Meret Oppenheim ohne Abendkleid
Ellinor Amini 2021
Collage und Textil auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
Meret Oppenheim biografie
von Ellinor Amini
Meret Oppenheim (1913–1985) wurde in Berlin als Tochter eines deutsch-schweizerischen Malers und einer Schweizer Lehrerin geboren. Bereits in jungen Jahren zeigte sie große künstlerische Begabung, die von ihren Eltern gefördert wurde. Nach dem Schulabschluss studierte sie an der Kunstgewerbeschule in Basel und später in Paris, wo sie in Kontakt mit avantgardistischen Künstler*innen, insbesondere der Surrealismusbewegung, kam.
In Paris knüpfte Oppenheim ein Netzwerk aus bekannten Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen ihrer Zeit. Sie arbeitete als Malerin, Bildhauerin, Designerin und Fotografin, wobei sie sich nicht auf ein Medium beschränkte. Ohne sich als Mitglied der Surrealist*innen zu verstehen, schuf sie 1936 das surrealistische Objekt „Frühstück im Pelz“, eine Pelztasse, das zu einem ikonischen Werk des Surrealismus wurde und ihr internationale Bekanntheit verschaffte. 

Meret Oppenheim verstand ihre Arbeiten als provokative und oft humorvolle Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Sexualität und gesellschaftlichen Normen. Ihre Kunst lässt sich in verschiedene Schaffensphasen unterteilen, in denen sie meist primär mit einem bestimmten Medium oder einer Technik arbeitete. 

„Jeder Einfall wird geboren mit seiner Form. Ich realisiere die Ideen, wie sie mir in den Kopf kommen. Man weiss nicht, woher die Einfälle einfallen; sie bringen ihre Form mit sich (…).“ (2022)

Trotz dieser Vielfalt und der konstanten stilistischen Neuerfindung wurde Oppenheim international oft verkannt, da sie sich nicht nur einem Stil verschrieb und sich bewusst nicht in eine künstlerische Schublade stecken ließ.
Während ihrer Karriere pendelte Oppenheim zwischen Paris, Berlin und der Schweiz, um Ausstellungen zu betreuen, an Surrealist*innen-Ausstellungen teilzunehmen und Kontakte zu pflegen. Sie arbeitete in ihren Pariser Jahren eng mit führenden Surrealist*innen zusammen und fungierte dabei zeitweise auch als Muse. So inspirierte sie insbesondere Man Ray, der sie für Fotoprojekte, Porträts und experimentelle Arbeiten fotografierte, und sie tauchte in seinen surrealistischen Bildwelten auf. Sie selbst verstand diese Rolle nicht nur passiv: Sie nutzte die Zusammenarbeit, um eigene Ideen in Fotografie, Objektkunst und Performance einzubringen, wobei die Grenzen zwischen Inspiration, Kooperation und künstlerischer Aneignung oft fließend waren. Auch andere Surrealist*innen griffen auf ihre Präsenz und Persönlichkeit zurück, um ihre Konzepte zu visualisieren, was Meret Oppenheim sowohl Chancen zur Vernetzung als auch Risiken der Reduzierung auf Muse brachte. Trotz der Muse-Rolle blieb sie immer eigenständige Künstlerin, die ihre kreativen Impulse aktiv in Projekte einbrachte.
Sie war eine selbstbewusste Frau in einem überwiegend männlich dominierten künstlerischen Umfeld, das ihr oft skeptisch gegenüberstand, ihre Arbeiten jedoch zugleich hoch schätzte. Neben ihren Kunstprojekten veröffentlichte sie Essays und Texte zu Kunsttheorie und Surrealismus, die Einblicke in ihr Denken und ihre ästhetischen Vorstellungen geben. Trotz des internationalen Erfolgs kämpfte sie zeitweise mit finanzieller Unsicherheit und der Schwierigkeit, ihre innovativen Werke im Kunstmarkt zu verankern.
Meret Oppenheim hatte ein klar ausgeprägtes Verständnis für feministische Fragen, wollte sich jedoch bewusst nicht in feministischen Kontexten ausstellen lassen. 


„Kunst hat keine Geschlechtsmerkmale. Es gibt nur ein Einmaleins. (…) Grosse Kunst ist immer männlich-weiblich.“ (2006)

Sie wählte ihre Projekte unabhängig von politischen Labels, behielt aber die kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Erwartungen in ihrem Werk bei. Viele ihrer Arbeiten reflektieren die Objektifizierung der Frau und gesellschaftliche Restriktionen, die Frauen in Kunst und Alltag erfahren.
Trotz internationaler Anerkennung erlebte Oppenheim eine 18 Jahre währende kreative Schaffenskrisen, die ihre produktivsten Jahre zeitweise unterbrachen. Sie fühlte sich durch äußere Erwartungen auf die Rolle der "Muse" oder der "jungen Surrealistin" eingeengt und zweifelte an ihrem weiteren künstlerischen Weg. In dieser Phase zog sie sich zurück, reduzierte öffentliche Ausstellungen und arbeitete sporadisch an Projekten. Privat heiratete sie später in eine der reichsten Familien der Schweiz, was ihr gesellschaftliche Stabilität verschaffte.
In ihren späteren Jahren lebte Meret Oppenheim überwiegend in der Schweiz, blieb jedoch international aktiv und wurde zunehmend als bedeutende Vertreterin des Surrealismus und der feministischen Kunst anerkannt. Ein bemerkenswertes, persönliches Detail: Mit 36 Jahren hatte Oppenheim einen Traum, in dem ihr klar wurde, dass sie mit 72 Jahren sterben würde. Sie starb 1985 in Basel im von ihr selbst prophezeiten Alter von 72 Jahren, am Tag der Vernissage ihres Gedichtbandes „Caroline“. 

Meret Oppenheim Heute
Meret Oppenheim wirkte in einer Zeit, in der die Kunstwelt stark männlich dominiert war und weibliche Künstlerinnen oft auf Rollen wie „Muse“ oder „Assistentin“ reduziert wurden. Ihr Leben und Werk entwickelten sich im Spannungsfeld zwischen internationaler Anerkennung und systemischer Unsichtbarmachung, wobei die Surrealismusbewegung sowohl Chancen für Vernetzung als auch Risiken der Reduktion auf Muse bot. Die politische Instabilität Europas, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegsordnung beeinflussten zudem die Rezeption avantgardistischer Kunst, insbesondere von Frauen*.
Oppenheim nutzte ihre Arbeiten, um Geschlechterrollen, Sexualität und gesellschaftliche Normen kritisch zu hinterfragen. Ihre Selbstwahrnehmung als eigenständige Künstlerin stand in Spannung zu den männlich geprägten Strukturen der Surrealismuskreise, die sie zeitweise auf die Rolle der Muse reduzierten. Trotz internationaler Anerkennung musste sie sich gegen die Erwartung behaupten, primär als weibliche Inspirationsquelle für andere zu dienen. Ihr klar ausgeprägtes feministisches Verständnis, kombiniert mit der bewussten Entscheidung, nicht explizit in feministischen Kontexten auszustellen, zeigt einen subtilen Widerstand gegen normative Geschlechterrollen. Die Grenzen zwischen Inspiration, Kooperation und Aneignung in ihrer Zusammenarbeit mit Man Ray und anderen Surrealistinnen machen dies besonders sichtbar.
Oppenheim wurde international oft verkannt, da sie sich nicht einem festen Stil oder Medium verschrieb. Ihre Vielseitigkeit und die Unmöglichkeit, sie in eine künstlerische Schublade zu stecken, führten dazu, dass viele ihrer Arbeiten in der Kunstgeschichte zunächst unterbewertet wurden. Während „Frühstück im Pelz“ ikonisch wurde, wurden andere Arbeiten erst später als konzeptionell und feministischer Beitrag erkannt. Finanzielle Unsicherheit und die zeitweilige kreative Krise spiegeln zudem die strukturellen Barrieren wider, die Frauen in der Kunstwelt erfuhren.
Heute gilt Oppenheim als bedeutende Vertreterin des Surrealismus, einer Bewegung, der sie sich selbst nicht zugehörig fühlte, und der feministischen Kunst, insbesondere für ihre Verbindung von Konzeptkunst, Objektkunst und kritischer Reflexion über die Rolle der Frau. Ausstellungskataloge, retrospektive Ausstellungen und Museumssammlungen in Europa und den USA haben ihre Arbeiten zunehmend anerkannt. Dennoch zeigt die Nachbewertung, dass die Erinnerungskultur lange männlich-zentrierte Narrative reproduzierte und die Eigenständigkeit weiblicher Künstlerinnen marginalisierte.
Fazit: Meret Oppenheim zeigt, wie eine Künstlerin im 20. Jahrhundert zwischen Anerkennung und Unsichtbarmachung navigierte. Sie blieb trotz männlich geprägter Kunstwelt eigenständig, nutzte ihre Vernetzung strategisch und hinterfragte subtil Geschlechterrollen in ihren Werken. Ihre Rezeption spiegelt historische Ungleichheiten wider, die heute in retrospektiven Ausstellungen und Forschung zunehmend korrigiert werden.

Quellen
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Merets Funken - Die Sammlung Gegenwartskunst Teil 2, Kunstmuseum Bern, 2013 Kerberverlag, Bielefeld / Berlin, Hrsg. Kunstmuseum Bern

​​​​​​​https://www.kunstmuseumbern.ch/see/today/1013-meret-oppenheim-120.html
https://www.kunstmuseumbern.ch/admin/data/hosts/kmb/files/page_editorial_paragraph_file/file/1718/p83028_de_kmb_af_meret-oppenheim_web.pdf?lm=1634808531

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