Sidsel Paaske
Cross media Artist
female plasure
Ellinor Amini 2021
Collage und Acryl auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
Sidsel Paaske
von Ellinor Amini
«Vi spiller mens vi øver» / «Wir spielen während wir üben»
Sidsel Paaske (1937–1980) war eine norwegische bildende Künstlerin, deren interdisziplinäre Praxis und experimentelle Energie sie zu einer zentralen, wenn auch lange übersehenen Figur der skandinavischen Kunstszene machten. Sie arbeitete als Malerin, Grafikerin, Schmuck- und Objektkünstlerin, war poetisch und musikalisch tätig und gehörte zu den vielseitigsten Kunstschaffenden ihrer Generation. In ihrer Karriere nutzte sie eine außergewöhnlich breite Palette von Medien, darunter Aquarell, Gouache, Monotypien, Collagen, Emaille, Skulpturen, Buchillustrationen, Textilarbeiten, Schmuckdesign und Performance; darüber hinaus schrieb sie Gedichte und war aktiv in künstlerischer Politik.
Paaske begann ihre künstlerische Laufbahn nach einer kurzzeitigen Ausbildung an der Kunsthandwerksschule in Oslo, die sie 1956/57. Diese wurde sie gezwungen zu beenden, da sie ohne verheiratet zu sein, schwanger wurde. Danach qualifizierte sie sich als Textildesignerin und Kunstpädagogin, wandte sich aber sehr bald der experimentellen bildenden Kunst zu. Bereits mit 28 Jahren zeichnete sich ihre Arbeit durch ein außerordentliches Spektrum an Techniken und Materialien aus, wie etwa bei ihrem frühen Engagement in Unge Kunstneres Samfunn.
In den 1960er Jahren war Paaske offen für internationale Impulse, darunter afrikanische Kunst, norwegische Volksmusik und objektbasierte Auseinandersetzungen, und sie wurde Teil der Künstlergruppe um die sogenannte Gruppe "Gullfisken" und das Skippergata-Milieu in Oslo. Ein frühes Highlight ihres Werks ist "Brent fyrstikk" (1966), das als Norwegens erstes Pop-Art-Werk gilt, lange bevor ähnliche Motive der amerikanischen Pop-Art-Bewegung etabliert waren.
Thematisch bewegte sich Paaskes Kunst zwischen naturhaften Formen und emotionalen Erfahrungsräumen; ihre Werke behandeln grundsätzliche Fragen von Gefühlen, Beziehung, Schmerz, Liebe und Kreisläufen. Anfang der 1970er Jahre verband sie diese formalen Anliegen zunehmend mit feministischen Fragestellungen, etwa durch Mitsprache bei der Organisation der Kvinneutstillingen 1975 und Gespräche über Körper, Identität und Rollenbilder in einer Zeit, in der viele Künstlerinnen begannen, eigene Narrative zu schaffen.
Paaske war auch musikalisch und poetisch tätig: Sie trug Gedichte vor – darunter ihre Sammlung Indigo (1980) – und arbeitete mit Musiker*innen wie Jan Garbarek, Don Cherry und Arne Nordheim zusammen an audiovisuellen Projekten, bei denen visuelle Performance mit Musik verschmolz.
Trotz zahlreicher Einzelausstellungen und ihrer aktiven Rolle in der Kunstpolitik, etwa als Redakteurin der Zeitschrift Billedkunstneren (1979–1980), geriet Paaskes Werk nach ihrem frühen Tod im Alter von 43 Jahren weitgehend in Vergessenheit. In der Standardgeschichte der norwegischen Kunstgeschichte wurde sie zunächst nicht erwähnt; erst 1989 fand am Museet for Samtidskunst in Oslo eine erste posthume Retrospektive statt, und seitdem wird ihr vielfältiges Werk zunehmend in Ausstellungskontexten reevaluiert.
Paaskes interdisziplinäre Praxis, ihr spielerisches und improvisatorisches Umgang mit Techniken und Medien sowie ihr Engagement in künstlerischer Politik machen sie zu einer  außergewöhnlichen Künstlerin, deren Werk zunehmend als wichtige Stimme im internationalen Dialog über die Grenzen zwischen Kunst und Alltag erkannt wird.

Sidsel Paaske HEUTE
Sidsel Paaske gehört zu jenen Künstler*innen, deren Bedeutung erst rückblickend sichtbar wurde. Ihre Biografie, ihr Werk und ihr Leben lassen sich nur im Kontext der norwegischen Nachkriegsmoderne, der Hierarchien des Kunstbetriebs und der geschlechtsspezifischen Ausschlüsse der 1960er- und 1970er-Jahre angemessen einordnen.
Paaske arbeitete in einer Phase tiefgreifender kultureller Umbrüche: Internationalisierung der Kunst, Aufkommen von Pop Art, Konzeptkunst und Performance sowie die Politisierung von Kunst im Zuge von Studierenden-, Friedens- und Frauenbewegungen. Gleichzeitig war der norwegische Kunstbetrieb stark männlich dominiert, disziplinär klar getrennt (freie Kunst vs. Kunsthandwerk) und institutionell konservativ. Ihre biografischen Brüche – frühe Mutterschaft, abgebrochene Ausbildung, ökonomische Prekarität – waren keine individuellen Ausnahmen, sondern strukturelle Bedingungen, unter denen viele Künstlerinnen arbeiteten. Diese Faktoren begrenzten Sichtbarkeit und Kontinuität, ohne die künstlerische Qualität ihres Werks zu mindern.
In den 1970er-Jahren positionierte sich Paaske zunehmend im Umfeld feministischer Kunst- und Kulturarbeit. Ihre Auseinandersetzungen mit Körper, Emotion, Beziehung und Alltag sind nicht illustrativ-politisch, sondern ästhetisch und strukturell kritisch.
Paaskes Werk entzieht sich klaren Gattungszuschreibungen. Sie arbeitete gleichzeitig mit Malerei, Grafik, Objekt, Schmuck, Textil, Poesie, Musik und Performance. Kritisch gelesen war diese Interdisziplinarität kein Zeichen mangelnder Fokussierung, sondern eine bewusste Infragestellung kunsthistorischer Hierarchien, insbesondere der Abwertung von als „handwerklich“, „dekorativ“ oder „weiblich“ codierten Materialien und Praktiken. Dass viele Werke erst spät als kunsthistorisch relevant anerkannt wurden, verweist auf einen Kanon, der experimentelle und hybride Positionen systematisch marginalisierte.

Die späte Wiederentdeckung Paaskes – vorwiegend durch Ausstellungen wie Like før / On the Verge – ist Teil einer breiteren kunsthistorischen Korrektur. Diese Neubewertung ist weniger eine „Nachholung“ als eine Revision der Maßstäbe, nach denen künstlerische Relevanz beurteilt wurde.
Die lange Abwesenheit Paaskes aus der offiziellen Kunstgeschichtsschreibung zeigt, wie weiblich gelesene Autorschaft, kollektive Arbeitsformen und emotionale Themen als weniger Kanon würdig galten. Erst mit späteren feministischen und institutionskritischen Perspektiven wurde sichtbar, dass Paaskes Werk zentrale Fragen zu Autorschaft, Materialität und Erfahrung vorwegnahm.

Quellen
Like før. Sidsel Paaske (1937–1980) / On the Verge. Sidsel Paaske (1937-1980) / Exhibition Nasjonalmuseet - Museet for samtidskunst / 21.10.2016 - 26.02.2017
Like før. Sidsel Paaske (1937–1980) / On the Verge. Sidsel Paaske (1937-1980) / Ausstellungskatalog ISBN 978-82-8154-117-7
​​​​https://www.nasjonalmuseet.no/utstillinger-og-arrangementer/museet-for-samtidskunst/utstillinger/2016/like-for.-sidsel-paaske-19371980/#
https://www.e-flux.com/announcements/9810/sidsel-paaskeon-the-verge-sidsel-paaske-1937-1980/

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