die  Königin  der  Wüste

G is for Gertrude, of the Arabs she’s Queen,
And that’s why they call her Um el Mumineen,
If she gets to Heaven (I’m sure, I’ll be there)
She’ll even ask Allah, >What’s your tribe, and where?<

John Van Ess
Gertrude Bell.
Gertrude Margaret Lowthian Bell kommt 1868 als Tochter einer der reichsten Industriellen-Familien Großbritanniens zur Welt, direkt hinein in das viktorianische Zeitalter mit einer starken Königin als Vorbild der Nation und dem britischen Selbstbild als Kolonialherrscher über indigene Völker. Gertrude Bell hebt sich schon von klein auf von Gleichaltrigen ab und Frauengespräche, wie sie zu dieser Zeit üblich sind, langweilen sie schnell, denn sie ist sehr klug und erfrischend ehrlich, was viele in ihrem Umkreis einschüchtert.
Sie erhält durch ihr liberales Umfeld eine umfangreiche Bildung, doch ist ihr Wissensdurst unstillbar und ihre Intelligenz, die der ihrer männlichen Zeitgenossen und potentiellen Ehemännern so haushoch überlegen, dass sie durch ihre geistige Überlegenheit bald zu einer unvermittelbaren Heiratskandidatin der britischen High-Society ist.
Deshalb wird sie 1892 zum befreundeten britischen Botschafter nach Teheran, Iran, geschickt, wo sich sofort wohl fühlt und sich in das Land und die Kultur verliebt. Ihre Abenteuerlust ist entfacht. Sie lernt Farsi (Persisch) und wird bald so gut, dass sie 1893 eine englische Übersetzung der Gedichte des persischen Dichters Hafiz veröffentlicht. 1894 folgen die „Persian Pictures“, ein wortgewandter Reisebericht über ihre Erfahrungen im Iran.
1897 folgt eine Weltreise und weitere Aufenthalte in Europa während denen sie ihr Farsi und Arabisch weiter verbessert. 1899 reist sie nach Jerusalem, wo sie ihr Arabisch perfektionieren will. Außerdem studiert die Atheistin die christlichen und jüdischen Traditionen in der heiligen Stadt. Dort macht die ausdauernde Gertrude Bell auch ihre erste Forschungsreise alleine durch die Wüste, bei der sie diplomatisches Geschick bei den korrupten Behörden vor Ort beweist. Sie besichtigt die Ruinen von Palmyra und beginnt sich für Archäologie zu interessieren. Weitere Reisen im Mittleren Osten folgen ab 1905, diesmal mit einer archäologischen Forschungsabsicht.
Bei ihren vielen Expeditionen durch die Territorien verschiedener arabischer Völker und Stämme, bekommt sie unter anderem die politischen und territorialen Streitigkeiten zu spüren, kann aber durch ihre mittlerweile sehr guten Sprachkenntnisse eine neutrale Position einnehmen und löst gefährliche Situationen mit Ruhe und Geduld. Ihre archäologischen Forschungen erarbeitet sie akkurat, notiert, fotografiert und zeichnet ihre Beobachtungen genau und veröffentlicht ihre Erkenntnisse in archäologischen Zeitschriften und schreibt ein weiteres Buch. Während dieser Zeit knüpft sie viele wichtige Kontakte, ganz gleich in welcher Hierarchie sie zu ihr stehen, die ihr später politisch wie wissenschaftlich von großen Nutzen sind. Vor allem aber kennt sie alle Clanführer und Stammhalter durch ihre vielen Reisen persönlich und baut einen wertvollen Schatz an Informationen über die arabische Welt auf.

Zurück in der britischen Heimat wird die emanzipierte Forschungsreisende 1908 Teil der Anti-Suffragetten-Bewegung in Großbritannien, die sich gegen das geforderte Frauenwahlrecht ausspricht, denn ihrer Meinung nach seien die meisten Frauen nicht in der Lage ein so unabhängiges Leben zu führen, wie sie selbst es tut. Sie ist davon überzeugt, dass nur Männer die Fähigkeit zu politischen Entscheidungen solchen Ausmaßes haben und somit wählen sollten. Zwischen ihren langen Reisen verbringt sie immer wieder längere Aufenthalte in der Heimat, wo sie Bücher über ihre Reisen schreibt.
Bei einer Expedition 1909 in den Irak entdeckt sie in der Wüste die im Westen noch unbekannte Ruine Uchaidir. Bei der Royal Geographical Society in London hatte sie gelernt, Karten zu zeichnen und Landmessungen vorzunehmen. Sie beginnt sofort die archäologische Arbeit, dokumentiert und vermisst ihren Fund detailliert.
Außerdem nimmt sie auch bei Babylon an einer frischen Ausgrabung zusammen mit anderen Archäologen teil. 1911 lernt sie bei einer Ausgrabung den jungen Archäologen T.E. Lawrence kennen, der es kaum erwarten kann, die bekannte und erfahrende Reisende persönlich kennenzulernen. Es entwickelt sich eine Freundschaft und spätere Zusammenarbeit aus dem Treffen. Es kommt zu weiteren teils sehr gefährlichen Reisen im Mittleren Osten, bei denen sie ihre archäologischen Studien fortsetzt. Nach ihrer Rückkehr wird sie 1914 in London von der Royal Geographical Society mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
1914 bricht der erste Weltkrieg in Europa aus und Gertrude Bell soll für die Regierung eine Einschätzung ihrer Erfahrungen im Nahen und Mittleren Osten schreiben, die als wichtige Informationsquelle im Krieg gegen die Türken dient, doch ihrer Bitte nach Kairo reisen zu dürfen, wird erst 1915 nachgekommen. Sie wird offizielle Mitarbeiterin im militärischen Geheimdienst in Kairo, genau wie auch T.E. Lawrence, und kann mit ihren jahrelangen Reisestudien und ihren exzellenten Kenntnissen von Sprache und Kultur einen wichtigen Beitrag leisten, trotz anfänglicher Skepsis ihrer ausschließlich männlichen Kollegen. Gertrude Bell soll Informationen über die verschiedenen arabischen Stämme zusammentragen, denn sie ist die Einzige, die alle Regionen bereist hat und mit den politischen Zielen der einzelnen vertraut ist. Sie gewinnt auch das Vertrauen vieler Einheimischer vor Ort, die sich britische Unterstützung erhoffen und sie dafür mit fehlenden Informationen belohnen. Sie wird bald eine wichtige Beraterin in politischen Fragen und kann durch ihren Charme und Überzeugungskunst im Namen des Britischen Empire viel erreichen. So verbessert sie beispielsweise durch einen Besuch in Indien die Kommunikation zwischen dem indischen Vizekönig und dem Büro in Kairo nachhaltig. Auf seinen Wunsch hin, geht sie nach Basra und arbeitet dort eng mit Militär und Geheimdienst zusammen, zeichnet Karten und gibt Einschätzungen zur Lage der Stämme, obwohl sie in dieser Mission keinen offiziellen Posten bekleidet.
1916 wird sie zwar alleinige Koordinatorin zwischen Basra und Kairo und einige ihrer Lageberichte werden sogar an ranghöchste Offiziere des Arabischen Büros in Kairo weitergegeben, aber sie hat immer noch keine offizielle Stellung, was ihr einige Probleme bereitet. Durch ihre Hartnäckigkeit wird sie bald zum ersten weiblichen politischen Offizier der britischen Streitkräfte ernannt und ist somit Verbindungsoffizier und offizielle Korrespondentin für Kairo:
Major Miss Bell.
In Bagdad findet sie 1917 ihre neue Wahlheimat und wird zur Orientsekretärin befördert. Die Einheimischen nennen sie auch „kokus“ was so viel bedeutet wie „offizieller Filter“. Oft wird sie auch respektvoll „el chatun“, also „die Hofdame“, später auch „umm al-muminin" also „Mutter aller Gläubigen“ genannt, denn sie verkehrte mit hohen einheimischen Würdenträgern und Stammesführern, die sie schätzen. Neben ihrer Tätigkeit als Expertin für den Geheimdienst und politische Beraterin ist sie auch Kuratorin des dortigen Museums. Durch ihre Informationen können die britischen Streitkräfte 1917 und 1918 große Siege für sich beanspruchen und T.E.Lawrence geht damit in die Geschichte ein. Doch Gertrude Bell  will nicht im Rampenlicht stehen und gönnt ihrem jungen Kollegen die Aufmerksamkeit. Ihr wird für ihre Arbeit die Auszeichnung „Commander of the British Empire“ verliehen.

Als 1918 nach dem Krieg das Osmanische Reich zerbricht, sollen die Völker nun endlich eigene Regierungen einrichten dürfen. Ihr wird, dank ihrer Länderkenntnis und Erfahrung, die Ehre zuteil, die Ländergrenzen im Nahen und Mittleren Osten neu zu ziehen. Große Verantwortung hat sie auch bei der neuen Gründung des Staates Irak, denn dieser hatte vorher weder politisch noch administrativ bestanden. Als Kind des Britischen Empires sollte ihrer Meinung nach zwar ein arabischer König eingesetzt werden, aber nur unter britischer Oberhoheit. Auch das britische Interesse an den vermuteten Ölvorkommen in Mesopotamien ist ein wichtiger Teil dieses Vorhabens. Nach vielen Monaten mit Machtgerangel unter den Alliierten wird 1920 auf der Kairoer Konferenz im Beiseins Winston Churchills Faisal, der dritte Sohn des Scherifen von Mekka, zum König von Irak gewählt. Alle territorialen und politischen Pläne von Gertrude Bell gehen auf wie geplant. Zwar ist Faisal ein direkter Nachfahre des Propheten, doch ist er nun sunnitisches Oberhaupt eines mehrheitlich schiitischen Landes. Außerdem werden die kurdischen Gebiete, die auf Autonomie gehofft hatten, zum Irak gezählt, auch weil dort Ölfelder und die „Kornkammer Mesopotamiens“ liegen. Somit liegt es an Gertrude Bell, den eingesetzten König vor seinem neuen Volk so aussehen zu lassen, als sei er nicht Spielball der Briten. 1921 wird Faisal vom irakischen Volk mit einer Mehrheit zum König gewählt und später offiziell gekrönt.
Gertrude Bell, die der König respektvoll „badawija“ (Beduinenfrau) nennt, wird eine wichtige Beraterin und enge Vertraute und initiiert unter anderem ein Gesundheitsministerium. Gleichzeitig bleibt sie aber enge Beraterin der britischen Hoheit im Irak. Sie ist für beide Seiten die „ungekrönte Königin Mesopotamiens“. Sie hilft ihnen durch eine krisenreiche politische Zeit.
Ab 1922 beginnt Gertrude Bell antike Gegenstände und Artefakte aus der Vergangenheit des Iraks für das „Department of Antiquities“ zu sammeln und aufzuarbeiten. 1926 wird daraus das Irakische Nationalmuseum.
Doch privat geht es Gertrude Bell immer schlechter, sie hat immer wieder mit schweren Depressionen zu kämpfen.
1958 wacht sie nach einer Überdosierung von Schlaftabletten eines Morgens nicht mehr auf, man vermutet einen selbst gewählten Tod.
Gertrude Bell heute.
Der Tod von Gertrude Bell war ein international betrauertes Ereignis und sogar der englische König zollte ihr seinen Respekt. Heute allerdings steht sie leider noch allzu oft im Schatten von T. E. Lawrence, besser bekannt als „Lawrence von Arabien“, der in Verbindung mit dem ersten Weltkrieg eine bekannte Persönlichkeit ist. Doch auch bzw. gerade sie hatte einen großen Einfluss auf die Geschichtsschreibung und durch ihr diplomatisches Geschick ist der Nahe und Mittlere Osten und dadurch auch das Europa, welches wir heute kennen, stark geprägt. Sie war zu dieser Zeit einer der wenigen Menschen, wenn nicht sogar die Einzige, die das komplexe Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Regionen und die politischen Ziele der einzelnen Länder und Stämme sehr gut kannte, deren Sprachen sie beherrschte und von denen sie trotz oder gerade wegen ihrer Neutralität geschätzt und teilweise sogar verehrt wurde. Sie versuchte, diese regionalspezifischen politischen Interessen mit denen des Empire zu vereinen um wieder Frieden zu schaffen. Durch ihr Wissen über das Bildungssystem und ihre Sorge um die muslimischen Mädchen, die unter der türkischen Herrschaft keine Schulen besuchen durften und weitgehend Analphabetinnen waren, konnte sie den britischen Bildungsexperten Humphrey Bowman dazu inspirieren, die Situation zu verbessern und sein neuentwickeltes Schulsystem gehört heute noch zu den Besten der arabischen Welt. Ihre unzähmbare Abenteuerlust führte sie in Gebiete, die kein westlicher Reisender und schon gar keine alleinreisende Frau jemals gesehen hatte:
„Some interest surrounds me, for I am the first foreign woman who has ever been in these parts.“
Wäre Gertrude Bell ein Mann gewesen, wäre ihr Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen. Man hätte sie vermutlich von Anfang an ernster genommen und sie hätte auch politische Posten bekleiden dürfen, die ihr als Frau verwehrt blieben. Da sie fast ausschließlich unter Männern agierte, gab es oft kein Protokoll für sie als Frau, die sich aber „wie ein Mann benahm“. Viele einflussreiche Offiziere neideten ihr ihre Position und ließen sie das auch spüren.
„You know there are moments when being a woman increases one‘s difficulties.“
Doch vielleicht war auch gerade das der Grund, dass sie sich von den ausschließlich männlichen Kollegen abhob.
Kairo
Commander of the British Empire
Die Beduinenfrau
Quellen.
Wallach, Janet: Königin der Wüste. Das außergewöhnliche Leben der Gertrude Bell. München 2003 (nach der amerikanischen Ausgabe von 1996).

Bell, Gertrude Lowthian. The Letters of Gertrude Bell. Volume 1 and 2. London 1928 (Erstveröffentlichung 1927).
Gertrude Bell Archiv Newcastle University

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