Mia Bernoulli
die FOtografin
Mia Bernoulli kauft Zitronen
Ellinor Amini 2021
Collage und Acryl auf Leinwand
50 x 70 cm
Collage und Acryl auf Leinwand
50 x 70 cm
Mia Bernoulli Biografie
von Ellinor Amini
von Ellinor Amini
Triggerwarnung: Diese Biografie enthält psychischen und emotionalen Missbrauch und Gewalt gegen Frauen
Mia Bernoulli (1889–1963) wurde in Basel in die weit verzweigte, bildungsbürgerlich geprägte Familie Bernoulli geboren. Sie wuchs in einem Umfeld auf, in dem wissenschaftliche, künstlerische und kulturelle Bildung selbstverständlich waren. Früh entwickelte sie ein ausgeprägtes Interesse an visueller Gestaltung und entschied sich – für eine Frau ihrer Generation keineswegs selbstverständlich – für eine professionelle künstlerische Ausbildung. Sie studierte Fotografie in Basel, unter anderem im Umfeld der dortigen Reformbewegungen der Fotokunst. Ihre fotografische Arbeit orientierte sich an sachlicher Bildsprache, präziser Komposition und psychologischer Aufmerksamkeit für Menschen, insbesondere für Kinder. Bereits vor ihrer Ehe arbeitete sie eigenständig, veröffentlichte Fotografien und baute sich einen Ruf als ernstzunehmende Fotografin auf.
In den 1910er- und frühen 1920er-Jahren entwickelte Mia Bernoulli eine eigenständige fotografische Handschrift. Besonders bekannt wurden ihre Kinderfotografien, die sich bewusst von sentimentalen oder idealisierenden Darstellungen abhoben. Stattdessen zeigen sie Kinder als eigenständige Persönlichkeiten – konzentriert, widersprüchlich, verletzlich und stark zugleich.
Ihre Fotografien wurden publiziert und ausgestellt, unter anderem im Kontext reformpädagogischer und künstlerischer Debatten. Fachlich galt sie als präzise Beobachterin mit hohem ästhetischem Anspruch. Diese Phase markiert den Höhepunkt ihrer unabhängigen künstlerischen Laufbahn.
Ihre Fotografien wurden publiziert und ausgestellt, unter anderem im Kontext reformpädagogischer und künstlerischer Debatten. Fachlich galt sie als präzise Beobachterin mit hohem ästhetischem Anspruch. Diese Phase markiert den Höhepunkt ihrer unabhängigen künstlerischen Laufbahn.
1924 heiratete Mia Bernoulli den Schriftsteller Hermann Hesse. Die großbürgerliche Familie Bernoulli war mit der Hochzeit mit dem damals noch wenig bekannten und mittellosen Schriftstellers nicht einverstanden, doch Mia setzte sich durch. Das kreative Paar wollte sich gemäß dem Motto „Lebensreform“, einer Gegenbewegung zur Industrialisierung, gerne in der Natur niederlassen und Mia Bernoulli wählte dazu das kleine Örtchen Gaienhofen am Bodensee aus. Das, von ihr möglicherweise idealisierte, ländliche Idyll, stellte Mia aber auch vor Schwierigkeiten, denn ihre moderne Form der Fotografie stieß bei der konservativen Bevölkerung nicht unbedingt auf Zuspruch.
Bereits früh entwickelte sich die Beziehung zu einer stark asymmetrischen Ehe, in der Hesses Selbstverständnis als männliches, künstlerisches Genie dominierte. Auf Grundlage von Briefen, Tagebüchern und biografischen Forschungen lässt sich rekonstruieren, dass Hesse Mia Bernoulli zunehmend psychisch abwertete. Er diskreditierte ihre fotografische Arbeit als zweitrangig oder störend, stellte ihre beruflichen Ambitionen als egoistisch oder unweiblich dar und äußerte sich wiederholt herablassend über ihre Persönlichkeit, ihre emotionale Stabilität und ihre Fähigkeiten. In Briefen beschreibt Hesse sie als Belastung für sein künstlerisches Schaffen und macht sie für seine Krisen verantwortlich.
Mia Bernoulli bekam drei Kinder. Während sie die Mutterschaft ernst nahm und Verantwortung übernahm, wurde sie von Hesse zugleich für familiäre Belastungen verantwortlich gemacht. Er entzog sich weitgehend Care-Arbeit und emotionaler Präsenz, während er von ihr Anpassung, Rücksicht und Selbstverzicht erwartete.
Diese Dynamik führte dazu, dass Mia Bernoulli ihre eigene Arbeit immer weiter zurückstellte, nicht aus mangelndem Können, sondern aufgrund fortgesetzter Entwertung. Der psychische Druck äußerte sich nicht in einzelnen Ausbrüchen, sondern in dauerhafter Demütigung, emotionaler Kälte und Schuldumkehr – typische Merkmale psychischen Missbrauchs. Wichtig ist, dass diese Einschätzung nicht auf nachträglicher Moralisierung basiert, sondern auf Hesses eigenen schriftlichen Äußerungen sowie der Rezeption durch spätere Biograf*innen.
Zudem betrog Hermann Hesse seine Frau wiederholt. Diese Affären standen nicht im Kontext einer offen vereinbarten Beziehung, sondern waren Teil einer einseitigen Freiheit, die Hesse für sich beanspruchte, während er von Mia Loyalität, Anpassung und Rücksicht erwartete. Die Untreue verstärkte die bestehende Machtasymmetrie und trug wesentlich zu ihrer emotionalen Destabilisierung bei.
Besonders perfide war, dass Hesse sich bewusst von anderen Fotograf*innen porträtieren ließ, während er zugleich die fotografische Arbeit seiner Ehefrau abwertete und zurückdrängte. Diese Praxis kann als symbolische und psychische Gewalt gelesen werden: Das Medium, in dem Mia Bernoulli ausgebildet und anerkannt war, wurde ihr aktiv entzogen und gegen sie gewendet.
Wenn Hermann Hesse zeitweise im gemeinsamen Haushalt lebte, bestand er auf einem strikten, selbst entworfenen vegetarischen Diätplan, der unter anderem den Ersatz von Essig durch Zitronen vorsah und weitere schwer erhältliche Lebensmittel verlangte. Diese Regeln dienten nicht nur seiner Selbstdisziplinierung, sondern wurden ohne Rücksicht auf die Lebensrealität der Familie durchgesetzt. Die praktische Umsetzung dieser Diät fiel allerdings vollständig Mia Bernoulli zu. Konkret bedeutete dies, dass sie mit den kleinen Kindern im Boot regelmäßig über den See auf die Schweizer Uferseite rudern musste, um spezielle Lebensmittel zu beschaffen, während Hesse am sicheren Schreibtisch blieb und an seinen Texten arbeitete.
Die Kombination aus sozialer Isolation, wirtschaftlicher Abhängigkeit und kontinuierlicher Abwertung führte dazu, dass Mia Bernoulli ihre künstlerische Stimme zunehmend verlor. Ihre fotografische Arbeit kam fast vollständig zum Erliegen – nicht aus freier Entscheidung, sondern als Folge der Beziehung und der daraus resultierenden mentalen Instabilität.
Als die Ehe 1928 zerbrach, bedeutete dies für Mia Bernoulli eine emotionale Entlastung. Sie konnte jedoch die langfristigen Folgen der Jahre des Missbrauchs nicht vollständig aufheben. Sie lebte fortan zurückgezogen, blieb ihren Kindern verbunden, fand aber nicht mehr zu einer öffentlichen künstlerischen Karriere zurück.
Als die Ehe 1928 zerbrach, bedeutete dies für Mia Bernoulli eine emotionale Entlastung. Sie konnte jedoch die langfristigen Folgen der Jahre des Missbrauchs nicht vollständig aufheben. Sie lebte fortan zurückgezogen, blieb ihren Kindern verbunden, fand aber nicht mehr zu einer öffentlichen künstlerischen Karriere zurück.
„Mia Bernoulli kauft Zitronen“ ist eine Hommage an diese starke HIDDEN SHERO, die das Wohl ihrer Familie vor ihre eigene Verwirklichung stellte und durch Unsichtbarmachung und ihre Selbst-Unsichtbarmachung und in Vergessenheit geriet.
Mia Bernoulli HEUTE
Mia Bernoulli-Hesse lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem kulturell und gesellschaftlich konservativ geprägten Umfeld, das Frauen in beruflicher Selbstständigkeit, künstlerischer Anerkennung und privater Autonomie stark begrenzte. Zwar studierte sie und erwarb sich eigenständig kreative Kompetenzen, doch die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit erwarteten von Frauen primär Ehe, Mutterschaft und Care-Arbeit. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen musste sie ihre Karriere mit den privaten Anforderungen und den patriarchalen Ansprüchen ihres Mannes, Hermann Hesse, in Einklang bringen – eine Balance, die sie zeitlebens stark belastete.
Bereits in ihrer Ehe zeigte sich ein ungleiches Machtverhältnis: Hesse erwartete von ihr uneingeschränkte Anpassung, während er seine eigenen Bedürfnisse künstlerisch und privat durchsetzte. Er setzte persönliche und berufliche Dominanz durch, indem er sie psychisch demütigte, ihre kreative Arbeit abwertete und wiederholt untreu war. Diese Strukturen sind Ausdruck patriarchaler Hierarchien, die weibliche Arbeit und künstlerische Kompetenz systematisch marginalisierten und männliche Autorschaft privilegierten.
Sie übernahm den Großteil der Care-Arbeit, inklusive Kindererziehung, Haushaltsorganisation und Beschaffung spezieller Lebensmittel für Hesses strikten Diätplan. Sie wurde psychisch und emotional durch ihren Ehemann gedemütigt und in ihrer künstlerischen Selbstständigkeit eingeschränkt. Ihre Arbeit und ihr Beitrag zum Eheleben und seiner Karriere, wurden von Hesse nicht anerkannt, obwohl sie ihn unterstützte, sowohl organisatorisch als auch intellektuell. Diese Dynamik spiegelt eine typische genderbasierte Machtstruktur wider: männliches Genie wird hervorgehoben, weibliche Kreativität und Care-Arbeit bleiben unsichtbar und werden nicht in Kanonisierung und Rezeption einbezogen.
Ihre persönliche und künstlerische Entfaltung wurde so stark durch die dominante männliche Partnerrolle limitiert. Gleichzeitig zeigt sich Mia als resiliente, kreative Frau, die trotz aller Unterdrückung ihre fotografische Arbeit, Studien und intellektuellen Interessen aufrechterhielt und eigene Projekte verfolgte, soweit es die Umstände erlaubten.
Bis heute wird Hermann Hesses Leben, Werk und öffentliches Image aktiv geschützt, insbesondere durch den Suhrkamp Verlag. Mehrere biografische Arbeiten, kritische Essays und Veröffentlichungen, die sich explizit mit Hesses problematischem Verhalten befassten wurden systematisch juristisch blockiert, verlegerisch nicht unterstützt oder nur in abgeschwächter Form publiziert. Vor allem Texte, die Mia Bernoulli als eigenständige Künstlerin, Opfer von psychischer Gewalt oder als intellektuelle Partnerin von Hesse darstellen.
Diese Praxis trägt dazu bei, ein idealisiertes Bild des männlichen Genies aufrechtzuerhalten und die Erfahrungen der von ihm verletzten Personen zu marginalisieren.
Diese Praxis trägt dazu bei, ein idealisiertes Bild des männlichen Genies aufrechtzuerhalten und die Erfahrungen der von ihm verletzten Personen zu marginalisieren.
Mia Bernoulli ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast ausschließlich als Hesses Ehefrau bekannt, nicht als eigenständige Fotografin und Künstlerin. Ihr Werk, ihre Studien und ihr Beitrag zu Hesses intellektueller Produktion wurden weitgehend unsichtbar gemacht. Die Erinnerungskultur reproduziert damit bestehende Geschlechterhierarchien und schützt das Idealbild des männlichen Genies.
Erst in den letzten Jahren gibt es Bestrebungen, ihr künstlerisches Schaffen und ihre intellektuelle Arbeit wieder sichtbar zu machen, insbesondere im Rahmen feministischer Forschung und biografischer Aufarbeitungen.
Erst in den letzten Jahren gibt es Bestrebungen, ihr künstlerisches Schaffen und ihre intellektuelle Arbeit wieder sichtbar zu machen, insbesondere im Rahmen feministischer Forschung und biografischer Aufarbeitungen.
Fazit: Mia Bernoullis Lebensgeschichte zeigt nicht nur individuelles Leid, sondern ein strukturelles Muster: männliches künstlerisches Genie wird geschützt, weibliche kreative Arbeit wird entwertet und Gewalterfahrungen von Frauen werden als „private Beziehungssache“ entpolitisiert. Ihre Biografie muss daher nicht nur biografisch, sondern kulturgeschichtlich gelesen werden, als Beispiel dafür, wie Kanonbildung, Verlagspolitik und Geschlechterhierarchien zusammenwirken, um bestimmte Wahrheiten sichtbar bzw. unsichtbar zu machen.
Damit das Werk und Leben von Mia Bernoulli nicht vergessen bleibt, setzt sich die heutige Besitzerin ihres Hauses in Gaienhofen für die Sichtbarmachung ihrer Perspektive ein: Eva Eberwein. Die Diplombiologin und ihr Ehemann halten das Erbe des Ehepaares Hesse aufrecht und geben im Sommer Führungen durch Haus und Garten. Durch die Familie Eberwein und das Team des „Förderverein Hesse-Haus und -Garten e.V.“ wird das Leben von Mia Bernoulli wieder lebendig und durch fundierte Quellen auch ihr großer Einfluss auf das Leben von Hermann Hesse klarer. Eva Eberwein forscht und schreibt über das Leben und Werk von Mia Bernoulli und bringt Schritt für Schritt Licht in das Dunkel der Biografie einer vergessenen Frau der Geschichte. Dazu erschienen sind folgende Bücher:
Mia Hesse geborene Bernoulli als Photografin. Versuch einer Nahaufnahme
Eva Eberwein und Monika Leister // 2013 // Hermann-Hesse-Haus
Eva Eberwein und Monika Leister // 2013 // Hermann-Hesse-Haus
Der Garten von Hermann Hesse: Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt
Eva Eberwein (Autorin) und Ferdinand Graf Luckner (Fotograf) // 2016 // DVA
Eva Eberwein (Autorin) und Ferdinand Graf Luckner (Fotograf) // 2016 // DVA
Das Haus von Mia und Hermann Hesse. Leben im Einklang mit der Natur. Die Villa in Gaienhofen am Bodensee
Eva Eberwein // 2022 // Prestel Verlag
Eva Eberwein // 2022 // Prestel Verlag
Quellen
Ich danke Eva Eberwein für das Gespräch am 16.12.2021
https://www.mia-und-hermann-hesse-haus.de
Tanja Schuhbauer - Nue Züricher Zeitung - 25.10.2019
https://tanjaschuhbauer.de/wp-content/uploads/2019/12/NZZ_Reise_MiaHesse_251019.pdf
https://tanjaschuhbauer.de/wp-content/uploads/2019/12/NZZ_Reise_MiaHesse_251019.pdf
Zeppelin Museum Friedrichshafen
17.12.2021 – 24.04.2022