Rosemary kennedy
Die versteckte Kennedy
Rosemary Kennedy
von Ellinor Amini
von Ellinor Amini
Deine Augen spielen
Kleine Wilde
Ihrem Bann ist jeder verfallen
Schwebendes Gefühl
Können Frauen überhaupt so etwas wie Lust empfinden?
Männer finden ihr Glück
Ein unendlich leises Geflüster
Bild der Frau
Seit der Antike hatte die Hysterie fast ausschließlich als Leiden der Frauen gegolten,
verursacht durch Störungen der Gebärmutter – griechisch „hystera“.
verursacht durch Störungen der Gebärmutter – griechisch „hystera“.
Spannung
„Alles nur böse Gerüchte“
Grenze
„Mir schwante, was alles auf mich zukommen würde“
Wer hätte gedacht…
Die Experten sprachen von einer Sensation
Vom Elfenbeinturm
ABER
Garderobenständer mutiert zur Harfe
Geht es Dir gut
Body in Pieces
Meine Welt ist im Halbschlaf
(K) eine Seele
Gut gemeint…
Rosemary Kennedy Biografie
von Ellinor Amini
von Ellinor Amini
Triggerwarnung: Diese Biografie enthält körperliche und medizinische Gewalt, Zwangssterilisation und psychische Gesundheit
Rosemary Kennedy (1918–2005) war die älteste Tochter von Joseph und Rose Kennedy und jüngere Schwester des US-Präsidenten John F. Kennedy. Wie viele in der Familie Kennedy hatte sie ein tragisches Schicksal, anders als bei den anderen begann ihres aber schon während ihrer Geburt. Denn weil der zuständige Arzt nicht kam und die Hebamme sich nicht traute, bei der Geburt alleine zu sein, musste die Mutter die Beine zusammenpressen und die Hebamme schob das Kind 2 Stunden lang immer wieder in den Mutterleib. Trotzdem kam ein äußerlich gesundes Kind zur Welt. Erst während ihres Heranwachsens merkte man, dass sie in allem sehr langsam war und hatte eine Lernschwäche – vermutlich weil sie während der Geburt an Sauerstoffmangel litt, was bleibende Schäden hinterließ.
So wurde Rosemary unter ihren acht Geschwistern zu einem Sonderling, denn Rosemary war selbst ihren jüngeren Geschwistern geistig unterlegen, was vor allem dem ambitionierten Vater ein Dorn im Auge war. Seine Kinder sollten schön, schlau und sportlich sein, was er ständig überprüfte, beispielsweise beim sonntäglichen Wiegen, damit keines der Kinder "zu dick" oder "zu dünn" werden würde.
Wegen ihres geistigen Defizites wurde sie mit nur 10 Jahren in eine spezialisierte Lehranstalt geschickt, weitere folgten. Sie wollte ihren Vater nicht enttäuschen, doch dieser schämte sich für seine älteste Tochter und versuchte mit Hormonspritzen und allerlei Mitteln seine Tochter "normal" zu machen.
Trotz allem wuchs Rosemary zu einer vergnügten und lustigen jungen Frau heran, die Spaß am Tanzen und Singen hatte. Durch den Umzug der Familie nach London durfte sie am englischen Königshof debütierten und zog alle Blicke auf sich. Kurze Zeit schien alles gut, denn Rosemary konnte als Hilfslehrerin mit Kindern arbeiten, was sie sehr glücklich machte. Doch dies war nur von kurzer Dauer, denn als die Luftangriffe auf London begannen, mussten die Kennedys zurück in die amerikanische Heimat. Rosemary war sehr traurig darüber und lehnte sich gegen ihren Vater und seine Entscheidungen auf. Sie wurde eigensinnig und jähzornig und begann zu rebellieren. Da der Vater um den guten Ruf der Familie besorgt war und Angst hatte, Rosemary könnte schwanger werden, griff er zu drastischen Mitteln: Eine Lobotomie sollte helfen, die "Triebe" seiner Tochter zu bändigen und ihre Behinderung heilen. Bei dem neurochirurgischen Eingriff werden die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen und weitere Teile durchtrennt, was zu einer Persönlichkeitsveränderung und Störung des Antriebs und der Emotionalität führt. Joseph Kennedy ließ die Operation ohne das Wissen seiner Frau und trotz Warnung der American Medical Association durchführen. Allerdings hatte er nicht mit den katastrophalen Folgen gerechnet, denn Rosemary war danach schwerverletzt, sie konnte nur noch kindlich reden, hatte das Laufen verlernt und war inkontinent – sie verlor ihre komplette Persönlichkeit und Autonomie. Dem Vater, dem die Tochter nun noch peinlicher war, ließ die Tochter in einer Heilanstalt pflegen und weihte die Familie nicht über Rosemarys Zustand oder ihren Verbleib ein.
Dank der guten Pflege erlernte die Misshandelte langsam wieder zu laufen, sie war gerne draußen, hörte Musik und liebte es, trotz ihrer körperlichen Einschränkungen zu schwimmen. Doch sie litt ohne ihre Familie sehr unter ihrer Einsamkeit. Erst zwanzig Jahre nach dem Eingriff und nur, weil ihr Vater einen Schlaganfall erlitt, erfuhr die Familie von der versteckten Tochter und ihre Mutter und Geschwister nahmen wieder Kontakt zu ihr auf. Doch Rosemary konnte ihrer Mutter die Abwesenheit und Passivität nur langsam verzeihen und bei ihrem ersten Aufeinandertreffen schlug sie mit Fäusten auf ihre Mutter ein. Später aber wurde das Verhältnis von Mutter und Tochter besser und Rosemary besuchte ihre Familie sogar mehrmals im Jahr. Rose Kennedy verzieh ihrem Mann und sich selbst ihr Leben lang nicht, was er Rosemary angetan hatte.
Rosemary starb 2005 im Alter von 86 Jahren im Kreise ihrer noch lebenden Geschwister.
Nach der missglückten Operation gründeten ihre Eltern die Joseph P. Kennedy Jr. Foundation, eine wohltätige Stiftung mit Programmen für Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Angehörigen. Auch ihre Geschwister unterstützten verschiedene gemeinnützige Organisationen für Menschen mit Behinderung, z.B. gründete Rosemarys Schwester Eunice 1968 die "Special Olympics".
Rosemary Kennedy Heute
Die Biografie von Rosemary Kennedy lässt sich historisch nur im Zusammenspiel von Ableismus, Geschlechternormen, medizinischer Macht, familiärer Reputation und politischer Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert verstehen. Ihr Leben steht exemplarisch für den Umgang westlicher Gesellschaften mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen – insbesondere mit Frauen* – in der ersten Hälfte des Jahrhunderts.
Rosemary Kennedy wuchs in einer der einflussreichsten politischen Familien der USA auf. Die Kennedys verkörperten Aufstieg, Leistungsorientierung und öffentliche Vorbildfunktion. In diesem Umfeld galten Abweichungen von normierten Vorstellungen von Intelligenz, Selbstkontrolle und weiblicher Anpassungsfähigkeit als Bedrohung des familiären Images.
Rosemary zeigte früh Entwicklungsverzögerungen und Lernschwierigkeiten. Statt Unterstützung und Förderung standen jedoch Disziplinierung, Anpassung und Verbergen im Vordergrund. Ihr Leben wurde zunehmend von dem Optimierungszwang ihres Vaters dominiert.
Der entscheidende biografische Einschnitt war die Lobotomie im Jahr 1941, veranlasst von ihrem Vater ohne informierte Zustimmung von Rosemary selbst. Die damals als „moderne“ Behandlung beworbene Operation führte zu schweren, irreversiblen kognitiven und körperlichen Einschränkungen. Historisch kritisch ist festzuhalten: Die Lobotomie war Teil eines medizinischen Systems, das Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen pathologisierte und entmündigte. Bei Frauen* wurde auffälliges Verhalten besonders schnell als behandlungsbedürftig definiert. Rosemary Kennedy wurde nicht geheilt, sondern misshandelt und ruhiggestellt – zugunsten der familiären Kontrolle ihres Vaters und seinem patriarchalen Bild gesellschaftlicher Konformität.
Nach der misslungenen Operation wurde Rosemary Kennedy 20 Jahre lang vom Vater vor dem Rest der Familie und der Öffentlichkeit in Pflegeeinrichtungen versteckt und ihre Existenz systematisch verschwiegen. Diese Unsichtbarmachung verweist auf eine historische Praxis, Menschen mit Beeinträchtigungen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Institutionalisierung bedeutete nicht Schutz, sondern Entzug von Autonomie, Beziehung und Teilhabe. Rosemarys Leben wurde dokumentiert, verwaltet und kontrolliert – nicht selbst gestaltet.
Die Entscheidung zur Lobotomie ist auch im Kontext zeitgenössischer Geschlechternormen zu lesen. Rosemary galt als schwer kontrollierbar, emotional und sexuell nicht normkonform – Zuschreibungen, die bei Frauen* besonders schnell als gefährlich galten.
Historisch zeigt sich hier eine enge Verbindung zwischen Patriarchat und Medizin: Weibliche Abweichung wurde pathologisiert, statt sozial verstanden. Rosemarys Körper und Geist wurden zum Objekt disziplinierender Eingriffe.
Paradoxerweise hatte Rosemary Kennedys Schicksal indirekte politische Folgen: Ihre Schwester Eunice Kennedy Shriver engagierte sich später maßgeblich für die Rechte von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und gründete die Special Olympics.
Kritisch bleibt jedoch, dass diese Form der Anerkennung erst nach jahrzehntelanger Unsichtbarkeit erfolgte und Rosemary selbst davon kaum profitierte. Ihr Leben wurde symbolisch wirksam, während ihr persönliches Leid lange unbeachtet blieb.
Quellen
https://www.spiegel.de/geschichte/rosemary-kennedy-opfer-einer-lobotomie-a-1057016.html
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Rosemary-Kennedy-Die-versteckte-Tochter-der-Kennedys,audio437762.html