Harriet Straub
ärztin und schriftstellerin
Harriet Straub klärt auf
Ellinor Amini 2021
Collage und Acryl auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka

Harriet Straub
von Ellinor Amini
Maria Hedwig Luitgardis „Harriet“ Straub (1872–1945) bekannt unter dem Pseudonym Harriet Straub, wurde in Emmendingen als uneheliche Tochter eines badischen Notars geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie in repressiven religiösen Verhältnissen auf, die ihre Sinnsuche und ihr späteres Leben tief prägten.
Schon in ihrer Jugend zeigte sie geistige Neugier und ein starkes Bedürfnis nach Bildung, das sie gegen gesellschaftliche Erwartungen durchsetzte. Während Mädchen damals oft nur begrenzten Zugang zu formaler Bildung hatten, besuchte sie 1891 in Berlin die von Helene Lange initiierten Gymnasialkurse für Frauen, was sie mit der bürgerlichen Frauenbewegung bekannt machte.
Nach dem Abitur verlegte sie ihren Bildungsweg in die Schweiz: In Zürich studierte sie zunächst Philosophie und später Medizin, bevor sie ihr Medizinstudium nach Paris verlegte. Dort legte sie ihr medizinisches Examen ab und gilt als eine der frühen Frauen, die eine medizinische Ausbildung in Europa absolvierten. Die genaue Promotion oder Art ihrer Doktorarbeit ist in der Forschung nicht eindeutig belegt; nach einer Analyse könnte ihr Titel eher eine Statuskennzeichnung gewesen sein oder ihr formal verliehen worden sein.
Ab etwa 1898 arbeitete Harriet Straub im Auftrag der französischen Regierung im nördlichen Afrika, insbesondere in Regionen Algeriens und der Sahara. Dort beschäftigte sie sich mit Gesundheitsprojekten für Beduinenfrauen und der medizinischen Versorgung kleinerer Gemeinden, einschließlich Harems und ländlicher Frauen. Diese Zeit prägte sie künstlerisch und literarisch: Erlebnisse, Eindrücke und reflexive Beobachtungen flossen in ihre späteren Texte und Erzählungen ein.
Ihr Leben war von vielen Ortswechseln geprägt. Nach einem kurzen, nur einen Tag dauernden ersten Ehe nach dem Abitur und einer zweiten Ehe mit einem englischen Adligen, die aufgrund familiärer Interventionen scheiterte, zog sie 1904 nach Deutschland zurück. In Freiburg im Breisgau vertiefte sie ihre Studien, bevor sie 1906/07 den Schriftsteller und Philosophen Fritz Mauthner kennenlernte, mit dem sie ab 1909 im „Glaserhäusle“ in Meersburg am Bodensee lebte und 1910 auch heiratete.
In Meersburg entwickelte Harriet Straub parallel zu ihrer ärztlichen Erfahrung eine literarische Karriere: Unter dem Namen "Harriet Straub" veröffentlichte sie zahlreiche Werke, darunter Erzählungen, Essays, Reiseskizzen und Romane. Viele dieser Texte autobiografische Elemente und spiegeln gesellschaftskritische Reflexionen zu Geschlechterrollen, kulturellen Begegnungen und spirituellen Fragen wider. Werke wie "Rupertsweiler Leut’", "Zerrissene Briefe" oder "Die Araber in Algerien" zeigen eine authentische Stimme zwischen Emanzipation, kultureller Selbstbeobachtung und literarischer Innovation.
Sie wirkte zudem an der Arbeit ihres Ehemanns Fritz Mauthner mit, insbesondere bei dessen „Wörterbuch der Philosophie“, indem sie seine Arbeit unterstützte und sprachlich reflektierte, während er diktierte. Diese Zusammenarbeit wurde später als intellektueller Austausch gewertet und zeigt, dass Harriet Straub eine aktive Kraft in Literatur und Philosophie war.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Tod von Fritz Mauthner 1923 schrumpften die materiellen Grundlagen Harriet Straubs; Inflation und wirtschaftliche Not zwangen sie, das „Glaserhäusle“ zu veräußern, behielten ihr aber ein lebenslanges Wohnrecht. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft verschärften sich ihre Lebensbedingungen dramatisch: Als Witwe eines Juden wurde ihr Schreibverbot auferlegt, ihre Rente aberkannt und sie wurde zur Isolation gezwungen. Unterstützung fand sie nur durch Freund*innen und den Meersburger Stadtpfarrer Wilhelm Restle.
Trotz dieser Widrigkeiten blieb Harriet Straub zu Lebzeiten in Meersburg, verstummte aber weitgehend öffentlich und verstarb am 20. Juni 1945. In ihren letzten Jahren lebte sie zurückgezogen, doch trugen Freundschaften dazu bei, dass sie nicht völlig vereinsamte.

Harriet Straub heute
Harriet Straubs Leben und Wirken vollzog sich in einem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Marginalisierung von Frauen, kolonialen Machtstrukturen und den sich wandelnden sozialen Normen der Zeit. Als Frau in der Wissenschaft und Medizin um die Jahrhundertwende war sie eine Pionierin, die gegen patriarchale Strukturen und Vorurteile ankämpfte. Ihre Tätigkeit in Algerien und der Sahara, die Versorgung von Frauen in ländlichen Gemeinden und die medizinische Arbeit in kulturell fremden Kontexten spiegeln die engen Grenzen weiblicher Berufstätigkeit jener Epoche wider. Gleichzeitig zeigen ihre Reisen, internationale Netzwerke und ihre sprachliche sowie literarische Ausdruckskraft, dass sie sich aktiv Raum für selbstbestimmte Tätigkeit erschloss. Harriet Straub arbeitete in einer Zeit, in der Frauen nur eingeschränkt akademische und berufliche Anerkennung erhielten. Ihre Studien in Basel und Paris, ihre Arbeit als Ärztin in Algerien sowie ihre literarische Produktion zeigen eine konsequente Selbstbehauptung in männlich dominierten Feldern.
Sie agierte innerhalb von patriarchalen Strukturen, die Frauen als intellektuell unterlegen einstuften, und überwand dabei gesellschaftliche Barrieren, Geschlechterstereotype und politische Restriktionen. Ihre Mitarbeit an Mauthners philosophischen Werken, ihre literarische Produktion und die medizinische Praxis in kolonialen Kontexten unterstreichen, dass sie nicht nur Assistenz leistete, sondern selbst kreative und intellektuelle Entscheidungen traf. Spekulativ ist, dass die enge Zusammenarbeit mit Mauthner auch persönliche Konflikte hinsichtlich Anerkennung und Selbstwert mit sich brachte, da ihre Rolle oft hinter seinem Namen verborgen blieb.
Ihre Biografie ist zudem geprägt durch historische Krisen: die Weltwirtschaftskrise, die politischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, die nationalsozialistische Herrschaft und ihre Auswirkungen auf Witwen und Frauen in prekären Lebenslagen. Ihre Möglichkeiten, ihre Arbeit zu veröffentlichen und auszuüben, waren stark durch diese historischen Bedingungen begrenzt.
Obwohl Harriet Straub zu Lebzeiten publizierte, wurde ihr Werk in der Nachgeschichte weitgehend marginalisiert. Die Betonung ihrer Rolle als Ehefrau und Assistentin von Fritz Mauthner überdeckte lange ihre eigenen wissenschaftlichen und literarischen Leistungen. Institutionelle und gesellschaftliche Strukturen – Geschlechterhierarchien, historische Konventionen in der Publikationspraxis und patriarchale Bewertung literarischer Arbeit – führten dazu, dass Straub nur punktuell in literatur- und geschichtswissenschaftlichen Kanons auftaucht.
Die politischen Umstände der NS-Zeit trugen zusätzlich zur Unterbewertung bei: Veröffentlichungsverbote, Isolation und finanzielle Einschränkungen verhinderten die angemessene Sichtbarkeit ihres Werkes. Historische Quellen weisen darauf hin, dass selbst nach ihrem Tod der Zugang zu Straubs Texten begrenzt blieb, was die langfristige Anerkennung verzögerte.
Harriet Straub wird heute vor allem in regionalhistorischen Kontexten und durch einige biographische Arbeiten gewürdigt, ihre internationalen Leistungen sind wenig sichtbar. Retrospektiven in Meersburg und Emmendingen beleuchten einzelne Aspekte ihrer medizinischen und literarischen Arbeit, doch eine umfassende Anerkennung als Pionierin weiblicher akademischer und professioneller Selbstbestimmung steht noch aus. Die Erinnerung an Straub reflektiert die bestehenden strukturellen Ungleichheiten: Ihre Arbeit wird oft im Kontext männlicher Partner gesehen, während sie selbst als autonome Figur nur begrenzt wahrgenommen wird.
Fazit: Harriet Straub verkörpert die Ambivalenz weiblicher Selbstbehauptung im frühen 20. Jahrhundert: Einerseits Pionierin in Wissenschaft, Medizin und Literatur, andererseits marginalisiert durch patriarchale Strukturen, historische Krisen und die Dominanz männlicher Autorennamen. Ihre Karriere zeigt die Notwendigkeit, weibliche Lebenswege kontextualisiert zu würdigen, die wissenschaftliche, literarische und soziale Leistungen mit privaten Belastungen und gesellschaftlicher Unterdrückung verbinden.
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Quellen
Telefonat mit Historiker und Schriftsteller Herbert Burkhardt aus Emmendingen 27.03.2021
Amina Boumaaiz: Eine badische Schriftstellerin zwischen Schwarzwald und Sahara. / „s Eige zeige“ / Jahrbuch des Landkreises Emmendingen 20 /  2006 / S. 25 - 84
Harriet Straub / Wüstenabenteuer. Frauenleben / Hersg. von Ludger Lütkehaus / Freiburg i.Br. / Kore, 1991

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