Marie Nejar
Die, die sich selbst benennt
zwischen blicken
von Chiara Josephine Vössing-Guth*
von Chiara Josephine Vössing-Guth*
sichtbar gemacht,
doch
nie wirklich gesehen.
doch
nie wirklich gesehen.
entmenschlicht im glanz,
ein
fremder
blick,
der sie formte wie ton.
ein
fremder
blick,
der sie formte wie ton.
unsichtbar,
um nicht zu verschwinden,
doch ausgestellt:
ein körper,
ein zeichen.
um nicht zu verschwinden,
doch ausgestellt:
ein körper,
ein zeichen.
als wesen
fremd
anders
verlockend
sprach sie worte,
die nicht die ihren waren.
fremd
anders
verlockend
sprach sie worte,
die nicht die ihren waren.
ein gesicht für sehnsucht,
für staunen,
das sticht.
bewunderung,
die wie kälte bricht.
für staunen,
das sticht.
bewunderung,
die wie kälte bricht.
fremdbild und selbstbild –
kein einklang,
nur risse.
kein einklang,
nur risse.
eine stimme,
geboren im sprung,
steigt auf
aus dem spröden ton –
und nennt
sich
selbst.
geboren im sprung,
steigt auf
aus dem spröden ton –
und nennt
sich
selbst.
sie spricht
von
traurigen augen,
von
rollen, zu eng.
von
traurigen augen,
von
rollen, zu eng.
sie spricht
durch
scherben und staub.
durch
scherben und staub.
ein klang,
eine kraft
die sich
selbst
erschafft.
eine kraft
die sich
selbst
erschafft.
* Dieses Gedicht wurde von einer weißen Autorin verfasst, im Bewusstsein darüber, dass es nicht um Aneignung, sondern um Sichtbarmachung, Annäherung und Respekt geht. Dieses Gedicht ist ein Versuch, Resonanz zu entfalten - nicht Stimme zu nehmen oder zu übertönen.
Marie Nejar Biografie
von Ellinor Amini
von Ellinor Amini
Triggerwarnung: Diese Biografie enthält Rassismus, Zwangsarbeit als Jugendliche in Propagandafilmen
Marie Nejar (1930–2025) war eine afrodeutsche Sängerin, Schauspielerin und eine der letzten bekannten Schwarzen Zeitzeuginnen des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie wurde als Tochter eines aus Ghana stammenden Seemannes und einer weißen Deutschen geboren. Aufgewachsen ist Marie Nejar überwiegend in Hamburg-St. Pauli, wo sie bei ihrer Großmutter lebte. Ihre Kindheit war früh von rassistischer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Gewalt geprägt, die sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialistinnen weiter verschärfte.
Als Schwarzes Kind entsprach Nejar nicht dem nationalsozialistischen Idealbild, gleichzeitig wurde sie vom NS-Filmsystem instrumentalisiert: Sie trat als Kind in mehreren Ufa-Produktionen auf, darunter Münchhausen (1943) und Quax in Afrika (1944). Diese Rollen reproduzierten koloniale und rassistische Stereotype und dienten der exotisierenden Unterhaltung eines weißen Publikums. Nejar selbst verstand diese Arbeit erst später als Teil eines Systems, das Schwarze Körper sichtbar machte, ohne ihnen Würde oder Selbstbestimmung zuzugestehen. Dass sie die NS-Zeit überlebte, verdankte sie auch einzelnen Erwachsenen aus ihrem Umfeld, die sie schützten – ein Umstand, den sie später immer wieder betonte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte Marie Nejar, ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. In den 1950er-Jahren wurde sie als Sängerin entdeckt und trat unter dem Künstlernamen Leila Negra auf. In der frühen Bundesrepublik erzielte sie große Erfolge im Schlager- und Unterhaltungsbereich, trat im Rundfunk und im Fernsehen auf und tourte durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zugleich war diese Karriere von tiefen Ambivalenzen geprägt: Ihr Image beruhte weiterhin auf kolonialen Klischees, sie wurde jünger inszeniert, als sie war, und auf eine Rolle festgelegt, die sie zunehmend als entwürdigend empfand. Die populären Lieder jener Zeit spiegeln den Rassismus der Nachkriegsgesellschaft wider, nicht ihre eigene Selbstwahrnehmung.
Ende der 1950er-Jahre beendete Nejar ihre Karriere als Entertainerin bewusst. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und arbeitete viele Jahrzehnte in diesem Beruf – ein Schritt, den sie später als Befreiung aus einer fremdbestimmten Öffentlichkeit beschrieb. Erst im höheren Alter begann sie, öffentlich über ihre Kindheit im Nationalsozialismus und ihre Erfahrungen als Schwarze Deutsche zu sprechen. In Interviews, Radiosendungen und Gesprächen machte sie deutlich, wie sehr Rassismus ihr Leben geprägt hatte – sowohl während der NS-Zeit als auch in der Bundesrepublik.
Marie Nejar HEUTE
Die Biografie von Marie Nejar lässt sich historisch nur angemessen verstehen, wenn sie im Zusammenhang von Rassismus, nationalsozialistischer Gewaltpolitik, Kontinuitäten nach 1945 und der deutschen Erinnerungskultur betrachtet wird. Ihr Leben steht exemplarisch für die Erfahrungen Schwarzer Deutscher Menschen, deren Existenz lange aus der nationalen Geschichtsschreibung ausgeblendet wurde.
Marie Nejar wuchs als Schwarzes Kind im Nationalsozialismus auf – in einem Staat, der Menschen wie sie als „nicht zugehörig“ definierte. Ihre Mitwirkung in NS-Filmen bedeutete keine Anerkennung, sondern eine Instrumentalisierung: Schwarze Körper wurden im Kino sichtbar gemacht, während Schwarze Menschen real entrechtet, isoliert und bedroht waren.
Kritisch ist festzuhalten, dass diese Sichtbarkeit nicht mit Handlungsmacht einherging. Nejar hatte als Kind keine Möglichkeit, Rollen oder Inhalte zu beeinflussen. Ihr Überleben war kein Ergebnis staatlicher Fürsorge, sondern beruhte auf Zufällen, individueller Unterstützung und Lücken im NS-Verfolgungssystem. Ihre Biografie macht deutlich, dass der Nationalsozialismus nicht nur durch offene Gewalt, sondern auch durch alltägliche rassistische Normalität wirkte.
Die frühe Bundesrepublik stellte keinen radikalen Bruch dar. Als Sängerin unter dem Namen „Leila Negra“ wurde Nejar erneut auf exotisierende und koloniale Stereotype reduziert. Ihr kommerzieller Erfolg beruhte darauf, dass rassistische Bilder weiterhin gesellschaftlich akzeptiert waren.
Historisch kritisch ist dabei, dass diese Unterhaltungsindustrie ihre Vergangenheit im NS nicht aufarbeitete, sondern ähnliche Bilder fortschrieb. Nejar wurde vermarktet, ohne als erwachsene, selbstbestimmte Person wahrgenommen zu werden. Ihre bewusste Abkehr vom Showgeschäft kann daher als Akt der Selbstbehauptung gelesen werden.
Der Wechsel in den Pflegeberuf markiert eine biografische Zäsur, die in historischen Darstellungen oft marginalisiert wird. Dabei verweist sie auf eine strukturelle Realität: Für viele Künstlerinnen aus marginalisierten Gruppen war kulturelle Arbeit ökonomisch unsicher und psychisch belastend.
Dass Nejar über Jahrzehnte außerhalb der Öffentlichkeit arbeitete, bedeutet nicht, dass ihre Erfahrungen historisch weniger relevant wären. Im Gegenteil: Ihre Lebensgeschichte zeigt, wie gesellschaftliche Anerkennung selektiv vergeben wird und wie viele Biografien jenseits öffentlicher Archive verlaufen.
Erst spät im Leben wurde Marie Nejar als Zeitzeugin wahrgenommen. Diese verspätete Anerkennung verweist auf Defizite der deutschen Erinnerungskultur, die lange weiß, national und homogen gedacht war. Schwarze Perspektiven galten als Randthema, nicht als integraler Bestandteil deutscher Geschichte. Ihr öffentliches Sprechen stellt daher eine Korrektur historischer Narrative dar. Sie machte deutlich, dass Rassismus keine Episode war, sondern ein strukturierendes Element deutscher Geschichte vor und nach 1945.
Quellen
ZEIT Online: Afrodeutsche Kindheit im Nationalsozialismus
DER SPIEGEL: Nachruf auf Marie Nejar / Leila Negra
WDR 5: Erlebte Geschichten – Marie Nejar