Elsa Schiaparelli
Surrealistin und Modedesignerin
Die Erschaffung der Mode
Ellinor Amini 2021
Collage und Tusche auf Leinwand
50 x 70 cm
Foto: Fabio Smitka
elsa Schiaparelli
von Leonie Winter
Die Erschaffung der Mode
Am Anfang war
Die Präsentation der Kleider
Mit jemanden – einer Frau –
Dürr und knochig – ein lebendiger Kleiderhaken
Dazu da, um zu präsentieren und zu gefallen
Und ich werde hineingezogen,
zugeschnitten und geformt
um dem zu entsprechen.
Kleider machen Leute.

elsa Schiaparelli Biografie
von Ellinor Amini
Elsa Luisa Maria Schiaparelli (1890–1973) war eine der radikalsten und einflussreichsten Modeschöpferinnen des 20. Jahrhunderts. 
Sie wuchs in Rom in einer wohlhabenden, gebildeten Familie auf und zeigte schon früh Unabhängigkeitswillen, etwa indem sie im Jugendalter einen Band mit sinnlicher Poesie veröffentlichte, der in ihrer konservativen Umgebung für Skandale sorgte. Nach einem Philosophiestudium und einer Phase in London und New York – wo sie erste Kontakte zur avantgardistischen Kunstszene schloss – zog sie in die französische Modehauptstadt Paris. Dort eröffnete sie 1927 ihr eigenes Modeatelier und gründete das Modehaus Schiaparelli, das schnell zu einem Zentrum innovativer Haute Couture wurde.
Der Ursprung der Marke Schiaparelli liegt nicht in einem klassischen Modehaus, sondern in einem kollektiven, informellen Netzwerk von Frauen. Elsa Schiaparellis erster großer Erfolg war die berühmte gestrickte Trompe-l’Œil-Schleifenbluse der späten 1920er-Jahre, deren illusionistische Schleife bereits ihren spielerisch-intellektuellen Umgang mit Mode erkennen ließ. Entstanden ist dieses Kleidungsstück in Zusammenarbeit mit armenischen Strickerinnen, die Schiaparelli miteinander vernetzte und für ihre handwerkliche Arbeit bezahlte – ein frühes Beispiel für eine transnationale, weiblich geprägte Produktionsgemeinschaft. Die Bluse wurde international bekannt, kopiert und in Modezeitschriften gefeiert, was Schiaparelli erstmals finanzielle Unabhängigkeit verschaffte und den Grundstein für ihr späteres Haus legte. In dieser Anfangsphase verband Schiaparelli künstlerische Idee, weibliches Handwerk und ökonomische Selbstermächtigung: Mode wurde nicht nur als Produkt, sondern als soziale Praxis verstanden, die Frauen unterschiedlicher Herkunft miteinander verband und ihnen Sichtbarkeit wie Einkommen verschaffte. Diese kollektive, oft übersehene Entstehungsgeschichte relativiert das spätere Bild der genialen Einzelperson und macht deutlich, dass Schiaparellis Erfolg von Beginn an auf Zusammenarbeit, Austausch und weiblicher Expertise beruhte.
Mit der Etablierung ihres Modehauses entwickelte Elsa Schiaparelli eine Abfolge ikonischer Entwürfe, an denen sich der intellektuelle und politische Anspruch ihrer Arbeit besonders deutlich ablesen lässt. Das sogenannte „Zirkuskleid“ von 1938, entworfen für Wallis Simpson, verband artistische Motive, Stickereien und provokative Symbolik mit der Aura einer Frau, die selbst als gesellschaftlicher Skandal wahrgenommen wurde. Schiaparelli kleidete Simpson nicht, um sie zu „zähmen“, sondern um ihre Ambivalenz sichtbar zu machen – Macht, Exzess und Außenseiter*innentum wurden bewusst inszeniert. Ähnlich funktionierten das Skelettkleid, das Hummerkleid oder die Hüte in Form eines Schuhs oder eines umgedrehten Tintenfasses, die in Zusammenarbeit mit surrealistischen Künstlern wie Salvador Dalí entstanden. Diese Stücke unterliefen gezielt bürgerliche Vorstellungen von Eleganz, Weiblichkeit und „guter“ Mode und positionierten das Haus Schiaparelli als radikalen Gegenentwurf zur zeitgleich aufkommenden, stärker normierenden Modehäusern wie Chanel. Sie war auch bekannt für farbintensive Entwürfe, insbesondere die 1947 populär gewordene Farbe, die später als ihr „shocking pink“ berühmt wurde.
Ihre Mode wurde zum Denkraum: Kleidung stellte Fragen nach Körper, Begehren, Humor, Gewalt und Macht, statt diese zu kaschieren. Gleichzeitig richtete sich das Haus an eine kosmopolitische Elite, die selbstbewusst waren und eine große Portion Eigenhumor besaßen. Unter ihrer Leitung expandierte das Modehaus auf Parfums, Accessoires und kosmetische Linien und avancierte in den 1930er‑ und frühen 1940er‑Jahren zu einem der führenden Namen im internationalen Modebetrieb. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Phase machte deutlich, dass Provokation, künstlerische Kollaboration und weibliche Autorinnenschaft nicht im Widerspruch zu Marktfähigkeit standen – auch wenn genau dieser Anspruch Elsa Schiaparelli später isolierte, als sich Mode nach dem Zweiten Weltkrieg wieder stärker auf Anpassung, Funktionalität und patriarchale Ordnung ausrichtete.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh Schiaparelli 1940 nach New York, wo sie eine Zweigstelle eröffnete. Nach dem Krieg kehrte sie nach Paris zurück, doch der Wiederaufbau der Modebranche gestaltete sich schwierig: 1951 musste sie ihre Couture‑Kollektion einstellen und schloss das Haus formell 1954.
Nach Elsa Schiaparellis Rückzug aus der Mode und der Schließung ihres Modehauses verschwand der Name Schiaparelli für Jahrzehnte nahezu vollständig aus der Haute Couture. Zwar blieb Elsa Schiaparelli selbst bis zu ihrem Tod 1973 eine Referenzfigur der Mode- und Kunstgeschichte, doch ihr radikal künstlerischer Ansatz galt lange als nicht kompatibel mit einer zunehmend industriell und marktorientiert organisierten Modewelt. Erst ab den 2000er-Jahren begann eine vorsichtige Wiederentdeckung ihres Erbes, zunächst museal und theoretisch. 2012 wurde das Haus Schiaparelli offiziell neu gegründet, zunächst unter der kreativen Leitung von Marco Zanini, später von Bertrand Guyon und ab 2019 von Daniel Roseberry. Unter Roseberry erlebte Schiaparelli eine medienwirksame Renaissance, insbesondere durch skulpturale Haute-Couture-Entwürfe, die bewusst an Elsas Surrealismus anknüpfen. Gleichzeitig ist diese Wiederbelebung ambivalent: Während das Haus visuell auf Provokation, Körperbilder und Symbolik setzt, geschieht dies heute in einem globalisierten Luxusmarkt, der stark von Kapitalinteressen, Celebrity-Kultur und digitaler Aufmerksamkeit geprägt ist. Das historische Werk Elsa Schiaparellis wird damit zugleich geehrt, transformiert und kommerzialisiert – ein Spannungsfeld, das exemplarisch zeigt, wie feministische, avantgardistische Modegeschichte im 21. Jahrhundert neu verhandelt wird.


elsa Schiaparelli Heute

Elsa Schiaparelli gilt als Pionierin der Avantgarde-Mode und hinterließ ein Vermächtnis als Grenzgängerin zwischen Mode und moderner Kunst. Ihr Werk vereint künstlerische Konzepte mit Fantasie, Humor und Magie in Kleidungsstücken. Historisch betrachtet, zeigt ihr Leben sowohl die Möglichkeiten als auch die strukturellen Schranken für Frauen in Kunst und Mode. Ihre Rezeption war lange ambivalent: gefeiert als kreative Ikone, aber oft auf Exzentrik reduziert, während die intellektuelle und strategische Dimension ihrer Arbeit weniger gewürdigt wurde.
Schiaparellis Mode verwischt die Grenze zwischen Kunst und Kleidung. Sie nutzte Kleidung als ästhetisches und kulturelles Medium, um Konventionen zu hinterfragen. Gleichzeitig blieb Mode ein Konsumgut der Oberschicht, wodurch ihre avantgardistischen Ideen nicht automatisch gesellschaftlich transformative Wirkung entfalten konnten.
Als Frau in der Haute Couture musste Schiaparelli ihre Kreativität strategisch durchsetzen, in einem Feld, das Männer privilegierte. Sie inszenierte sich selbst als exzentrische, künstlerisch eigenständige Persönlichkeit, was ihre Marke stärkte, aber gesellschaftlich oft als „skurril“ oder „extravagant“ abgewertet wurde. Ihre Arbeit trug zur Rekonzeptualisierung weiblicher Selbstwahrnehmung bei: Kleidung konnte Provokation, Selbstbewusstsein und künstlerisches Statement zugleich sein.
Fazit: Schiaparellis Karriere zeigt auch, wie Krieg, gesellschaftliche Normen und ökonomische Umbrüche das Wirken von Frauen im internationalen Kunst- und Modediskurs beeinflussten. Ihr Scheitern nach 1950 war weniger ein Mangel an Innovation als Ausdruck von institutioneller und kultureller Begrenzung.

Quellen

Schiaparelli, Elsa. Shocking Life: Die Autobiografie der Elsa Schiaparelli. Parthas Verlag, 2014.
FemBio Elsa Schiaparelli
https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/elsa-schiaparelli/
Maison Schiaparelli History
https://schiaparelli.com/en/pages/l-histoire-de-la-maison
The Met Museum Elsa Schiaparelli
https://www.metmuseum.org/essays/elsa-schiaparelli-1890-1973

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